Ist Gott nur Liebe?
Peter Rosien: »Ja, allein die Liebe hält die Welt im Innersten zusammen«
»Jesus von Nazareth hat den Strafgott abgeschafft. Und genau das ist sein Evangelium, seine froh machende Botschaft: Erlösung als Befreiung von einem bedrohlichen und Furcht verbreitenden Gottesbild. Wir können darauf vertrauen: Gott ist nur gut, er kann nur lieben. Ganz gleich, was der Mensch tut oder getan hat. Gott ist auf seiner Seite. Wer ihm vertraut, wird sich angenommen fühlen.
Diese Überzeugung Jesu kommt in seinem goldenen Gleichnis vom verlorenen Sohn zum Vorschein: »Da finden wir das Gesicht des bedingungslos liebenden Gottes«, sagt der Theologe Klaus-Peter Jörns zu Recht. Genau in diesem Vorgang findet Erlösung statt: sich von Gott geliebt zu wissen ohne Wenn und Aber – inmitten dieses Albtraums unserer irdischen Existenz. Nur wer sich in diese Erfahrung hineinfallen lässt, kann dann auch für sich beurteilen, ob sie Projektion ist oder Realität.
Ich weiß um den kritischen Einwand: Sollten etwa auch der Mörder und der Gemordete, der Quäler und der Gequälte, alle bei Gott gleichermaßen angenommen sein, ohne Wenn und Aber? Wo bleibt da Gottes Gerechtigkeit? Doch: Wer einmal gesprungen ist, wer sich radikal auf die Liebe Gottes eingelassen hat, die keine Bedingungen stellt, der weiß in seinem Herzen: Alle diese Einwände sind Kopfgeburten. Gottes Wirk-lichkeit ist lichtvoll-anarchistisch, sie sprengt jede menschliche Vorstellungskraft. Man kann sich gegen diese Liebe empören oder sich ihr ergeben. Am Ende aber ist es immer diese Liebe Gottes, die sich als Grund des Ganzen erweist. Nicht Macht, sondern Liebe hält die Welt im Innersten zusammen.«
Hermann-Josef Große Kracht: »Nein, denn Liebe ohne Gerechtigkeit ist keine Liebe«
»Wir Menschen können wohl nicht anders, als uns Gott nach unseren Bedürfnissen zurechtzumachen. Immer wieder musste er für Gewalt und Unterdrückung herhalten; und lange Zeit war es üblich, den strafenden Gott, der alles sieht, für wohlfeile Disziplinierungsinteressen einzuspannen.
Heute hat dagegen eine andere Botschaft Konjunktur: die vom alles liebenden, alles verzeihenden, alles verstehenden, alles hinnehmenden Gott, der nur Liebe sei und dem wir uns nur bedingungslos öffnen und hingeben müssten, damit alles gut wird.
Der Gott der Christen aber ist nicht so. Er ruft uns in die allemal unbequeme Nachfolge seines Sohnes. Er wird geglaubt und behauptet als derjenige, der Elend und Unrecht nicht ertragen kann, der den »Hunger und Durst nach Gerechtigkeit« nicht ignoriert und der am Ende der Zeiten einen neuen Himmel und eine neue Erde errichten wird, in der alle Tränen getrocknet werden und der Tod nicht mehr ist. Und nur in dieser endzeitlichen Spannung, dieser Hoffnung wider alle Hoffnung, lassen sich unbedingte Liebe und unbedingte Gerechtigkeit zusammen denken, besser: zusammen erzählen.
Als liebende Gerechtigkeit kann der Gott Jesu Christi deshalb nicht einfach »nur« Liebe sein, in die man schon jetzt wohlig eintauchen könnte. Religiöse Wellness ist mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs nicht zu haben.«
Hermann-Josef Große Kracht, geboren 1962, lehrt als Akademischer Rat am Institut für Theologie und Sozialethik der Technischen Universität Darmstadt.
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