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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2016
Was die Gesellschaft zusammenhält
Ein Gespräch mit dem Philosophen Hans Joas
Der Inhalt:

Die Gier, das Geld und das Heil

von Christoph Fleischmann vom 21.10.2016
Luthers Botschaft von der freien Gnade hat die Wirtschaft noch nicht erreicht: Es ist genug für alle da, wenn man es nicht allein nach Marktpreisen verteilt. Ökonomische Gedanken zu den 95 Thesen
Ablass-Urkunde für Gläubige, die die St. Jacobs Kapelle der Gemeinde im niederschlesischen Klodzko, dem heutigen Polen, besuchten (Foto: Jacek Halicki/Wikipedia)
Ablass-Urkunde für Gläubige, die die St. Jacobs Kapelle der Gemeinde im niederschlesischen Klodzko, dem heutigen Polen, besuchten (Foto: Jacek Halicki/Wikipedia)

»Erstaunlich ist es, wie sehr es dich trifft, wenn ich ein wenig gegen die Habgier angehe. Denn du kannst es geduldiger ertragen, wenn ich gegen die Schrift gekämpft hätte, als wenn ich gegen die Habgier streite.« So schrieb Martin Luther im August 1518 an den Theologen Silvester Mazzolini, genannt Prierias, der im päpstlichen Auftrag ein Gutachten zu Luthers Lehre verfasst hatte. In der Tat war man in Rom alarmiert, dass mit Luthers Thesen die Autorität des Papstes angegriffen wurde, indem die Wirksamkeit der päpstlichen Ablässe infrage gestellt und der Papst mit Habsucht in Verbindung gebracht wurde. Zwar ging es Luther in seinen berühmten 95 Thesen vom Herbst 1517 zuerst um den Ernst der Buße und des christlichen Lebens, den er durch die Ablasspraxis in Gefahr sah. Aber er hat auch den weit verbreiteten Verdacht geteilt, dass es bei der Ausstellung immer neuer Ablässe mehr ums Geld als um das Seelenheil der Menschen gehe: »Die Schätze des Ablasses sind die Netze, mit denen man zur jetzigen Zeit den Reichtum der Menschen fischt.«

Gnade war durch den Ablasshandel käuflich

Im Jahrhundert vor der Reformation wurden die päpstlichen Ablässe, die nicht mehr nur von einigen Jahren Fegefeuerstrafe, sondern von allen Sündenstrafen befreien sollten, immer weiter verbreitet: An immer mehr Orten konnte man sie erwerben, in immer kürzeren Abständen wurden sie ausgegeben. Theologisch gesehen rückte das Heil näher zu den Menschen, die Gnade wurde leichter zu erwerben. Finanziell wurde das Geschäft für die Kurie immer lukrativer, je mehr Heil sie verkaufen konnte. Hinter den Ablässen stand die Vorstellung vom Schatz der Verdienste Christi und der Heiligen, die der Papst kraft seiner Vollmacht verwaltete. Die

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