Das holländische Paradox
Noch bis in die 1960er-Jahre hinein pflegten prominente niederländische Schriftsteller eine überwiegend religionskritische Einstellung. Der äußerst populäre Eduard Douwes Dekker, bekannt unter dem Pseudonym Multatuli (1820-1887), der Literaturkritiker Menno ter Braak (1902-1940) oder der Schriftsteller Willem Frederik Hermans (1921-1995) – sie alle waren scharfe Religionskritiker, Geistesverwandte von Nietzsche oder Feuerbach. Die vehemente Ablehnung bis hin zur offenen Polemik (etwa in Hermans’ Buch »Das sadistische Universum«) hängt mit der jahrhundertelangen Dominanz der Religion in der Geschichte der Niederlande zusammen. Während die öffentliche Debatte in Frankreich und Deutschland vielfach von Philosophen und Literaten beherrscht wurde, gaben in den Niederlanden die Theologen den Ton an.
Natürlich gab es immer wieder auch Autoren, die eine ausgewogenere Stellung einnahmen und kreativ das Potenzial religiöser Vorstellungskraft erkannten und es literarisch verarbeiteten. Simon Vestdijk etwa veröffentlichte schon 1946 ein prophetisches Werk mit dem Titel »Die Zukunft der Religion«. Darin lehnte er zwar den metaphysischen Glauben an eine höhere Welt und eine göttliche Person scharf ab, aber er sah Zukunftspotenzial in Religionen, die sich eher psychologisch und introspektiv orientierten – etwa in der Philosophie des Hinduismus, im Taoismus oder Buddhismus. Von christlichen Theologen wurde sein Werk zwar heftig kritisiert, aber rückblickend bestätigte sich vieles, was er vorhergesagt hatte, etwa die Zuwendung zu asiatischen Frömmigkeitsformen.
Andere Beispiele, wie die im deutschen Sprachraum wohlbekannten Schriftsteller Harry Mulisch (»Die Entdeckung des Himmels«) und Cees Nooteboom (»Rituale«) seien hier nur erwähnt, aber auch das Werk des hierzulande weniger bekannten Oek de Jong (»Flatternde Sommerkleider« oder »Ein Kreis im Gras«).
Das Thema der göttlichen Machtlosigkeit
Eine Wende zu einer eher religionsfreundlichen Richtung zeichnet sich überraschend Anfang der 1980er-Jahre ab. Einige Vertreter der damals jüngeren Schriftstellergeneration veröffentlichen 1983 ihre Betrachtungen »Über Gott« und zeigen sich interessiert an religiösen Vorstellungen christlicher Herkunft. Es ist, also ob sich eine neue Unbefangenheit Bahn bricht. In den Worten des damals einflussreichen, jung gestorbenen Übersetzers und Autors Frans Kellendonk: »Ich habe im Herzen der Schöpfung eine Leerstelle entdeckt, in die Gott, falls er existierte, harmonisch passen würde.«
Eine interessante neue Entwicklung ist, dass diese Schriftsteller ihre Inspiration oft in totgesagten christlichen Dogmen finden. Ein Beispiel ist das Symbol des »mystischen Körpers«, lateinisch: corpus mysticum, in der Glaubenslehre ein Hinweis auf den Zusammenhang des Opfers Christi und der kirchlichen Gemeinschaft. Kellendonk wählt »Mystische Körper« (Mystiek lichaam) 1986 als Titel für seinen Roman, in dem er erzählend seine Ideen zum Liebesopfer und zur menschlichen Gemeinschaft entwickelt. Diese narrative Verarbeitung des corpus mysticum regte jüngere Schriftsteller an, das Thema weiterzuführen. Désanne van Brederode (»Ave verum corpus«, 1994) und Yves Petry (»Die Magd Marino«, 2010) schrieben auf ihre eigene Weise Romane, die die mystische Körperlichkeit, die Eucharistie und die Erotik miteinander verbanden.
Als ein zweites Beispiel möchte ich den katholisch gewordenen Schriftsteller Willem Jan Otten erwähnen. Im Jahr 2014 erhielt er den wichtigsten literarischen Preis in der niederländischen Literatur. Ein wichtiges Motiv in Ottens Werk, gleichsam eine Quelle seiner literarischen Inspiration, ist das Thema des gekreuzigten Erlösers und der göttlichen Machtlosigkeit. In einer Rede im Jahr 1999 richtet sich Otten im Geiste Schleiermachers an die »Gebildeten unter den Verächtern der christlichen Religion« und charakterisiert den Glauben als Ergebung »in eine Machtlosigkeit, in etwas, das ohne mich völlig seinem Schicksal ausgeliefert wäre«. Auf unterschiedliche Weise kehrt dieses Motiv in seinen Gedichten und Romanen, in seinem Theaterwerk und seinen Essays zurück. Wie Kellendonk wurde auch Otten vonseiten der säkularen Literaturkritiker scharf kritisiert, die den Glauben prinzipiell für unvereinbar halten mit den Forderungen der literarischen Einbildungskraft.
Die Bibel als wichtiges Dokument der Kultur
Außergewöhnlich interessant ist auch, dass viele Schriftsteller der Bibel eine neue Aufmerksamkeit schenken. Sie verstehen die Heilige Schrift als ein wichtiges Dokument der Kultur. Im stark säkularisierten Klima der niederländischen Gesellschaft, in der die Bibelkenntnis immer schwächer wird, ist dies ein bedeutendes Signal. Denn Schriftsteller sind wie kaum andere sensibel dafür, wie viel verloren geht, wenn die Leser ihrer Bücher der Bibel – »dem großen Code« unserer Kultur, wie der Literaturwissenschaftler Northrop Frye sagt – verständnislos gegenüberstehen. Der Autor Nicolaas Matsier befürchtet einen Kulturbruch, der sich nahezu stillschweigend vollzieht. Im Schlusssatz seiner neuen Erzählung der Bibel (2003) schreibt er zur zweitausend Jahre alten Lesetradition der Christen: »Auf die Stille, die Konzentration sowie die gründliche Kenntnis dieses nicht einfachen Textes damals kann jeder eilige und zerstreute Leser von heute neidisch sein. Dieser Text erstrebte damals nichts weniger als die Stiftung und die Konsolidierung einer Gemeinschaft, und sie reichte weit über den Tod hin, sogar bis zum Jüngsten Tag.«
Es ist bezeichnend, dass Autoren, die sich selbst als Ungläubige oder Agnostiker verstehen, es trotzdem wichtig finden, den narrativen und reflexiven Schatz dieser mythologischen biblischen Tradition in unserem kollektiven Gedächtnis zu bewahren. Sie anerkennen und wertschätzen den Einfluss dieser Tradition des Denkens, Fühlens und Vorstellens.
Für den jüdischen Schriftsteller Arnon Grünberg ist die Bibel kein literarisches oder humanistisches Werk, sondern schlicht ein heiliges Buch, das jede Diskussion hinter sich lässt. Sie sei sogar unempfindlich für Kritik und sage sich los von allem allzu Menschlichen. Die Botschaft, die Grünberg der Bibel entnimmt, ist kaum erbaulich zu nennen. Sie sei »weniger hoffnungsvoll, als es die durchschnittliche Weihnachtspredigt vermuten lässt«. Die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk sei derart, dass man den beiden raten möchte, auseinanderzugehen. »Es ist eine destruktive Beziehung, gegründet auf gegenseitiger Abhängigkeit.«
Eine gleichfalls kritische Bemerkung findet sich im Nachwort von Guus Kuijers »Die Bibel für Ungläubige«, Teil 1 (2012): »Das Buch Genesis, also der Schöpfungsbericht, ist meiner Meinung nach nicht an erster Stelle ein frommer Traktat, sondern vielmehr der Bericht einer Reise, deren Ziel und Absicht ungewiss sind.«
Religion ist Anlass zu Diskussion und Streit
Diese Beispiele zeigen: Religion ist aus der neueren niederländischen Literatur nicht wegzudenken, sie gibt vielmehr fast immer Anlass zu Diskussion und Streit. In dieser Hinsicht ist die Literatur ein authentischer Ausdruck der niederländischen Streit- und Diskussionskultur.
Momente, die die Kontroverse übersteigen, gibt es vor allem in der Poesie. In den Werken großer Lyriker wie Gerrit Achterberg, Martinus Nijhoff, Ida Gerhardt, Lucebert empfangen religiöse und auch christliche Symbole eine universale Bedeutung. Achterberg umschreibt im Gedicht »Kode« seine persönliche Poetik. Er sucht Schlüsselwörter, die möglicherweise Zugang bieten zur geliebten und fehlenden anderen Person. Das Schlüsselwort »Gott« bietet sich an. Es ist zu finden in den Buchstaben g, o, t. Aber auch andere Wort-Bildungen sind möglich: »Jede Serie, jede Schaltung, / welcher Sprache auch entnommen, ist verwendbar, / solange sie in der rechten Spannung steht.«
