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Die dritte Welle

vom 23.01.2021
von Sabine Paul, Nürnberg

Die dritte Welle – Gedanken zum Jahreswechsel

In der Verhaltenstherapie geht die sogenannte »dritte Welle« unter anderem mit der Integration achtsamkeitsbasierter Methoden in ansonsten kognitive und lerntheoretische Verfahren einher.

Mir schien, dass die 3. Coronawelle uns dies ebenso abverlangte und uns zur Integration von Achtsamkeit und Akzeptanz, in einen von äußeren Reizen kontrollierten und bestimmten Alltag einlud, fielen doch etliche dieser äußeren Ablenkungen durch Außenreize durch die Coronaeinschränkungen weg.

Welche kognitive und somit emotionale Haltung wir hierzu einnehmen, bleibt als letzte geistige Freiheit des Menschen uns überlassen, bestimmt jedoch wesentlich, ja, primär unsere psychische Verfassung (nicht nur) in dieser Zeit!

Als problematisch für den Erhalt der multidimensionalen Gesundheit eines Menschen so immens wichtige Pflege persönlicher Ressourcen durch das Pflegen sozialer Kontakte oder das Schaffen von Ausgleich zur Arbeit empfand ich die politisch forcierte Forderung nach beruflicher Leistung, während der Privatbereich zunehmend auf ein Minimum reduziert wurde. Im Namen einer Gesellschaft, die den Blick auf den Menschen als mehrdimensionales Geschöpf schon lange verloren hat und daher vor aallem auch in diesen Zeiten den Menschen lediglich als Empfänger und Überträger (in diesen Zeiten ausschließlich) des Coronavirus definiert. Die das physische Wohlbefinden reziprok mitbestimmende seelische Gesundheit scheint in diesen Zeiten noch mehr aus dem Blick geraten wie je zuvor. Nur so ist es für mich erklärbar, dass eine vermeintlich durch humanitäre Werte geprägte Gesellschaft sich dafür entscheidet, Menschen in Einsamkeit und ohne den Blick auf einen geliebten Menschen sterben zu lassen. So manches, möglicherweise die Grundfeste unserer Gesellschaft und Demokratie, unser aller Wertesystem stellt das medienwirksam gewordene Coronavirus (endlich) gehörig in Frage.

Endlich kommt es allerdings aus anderen Motiven heraus zu Entscheidungen, die, um unseren Planeten und damit uns alle über das Coronavirus hinaus zu erhalten, bereits lange notwendig gewesen wären: die Reduktion des ökologisch in diesem Ausmaß seit Jahren nicht mehr vertretbaren Flugverkehrs ebenso wie die Reduktion eines grenzenlosen Wirtschaftswachstuns oder das von Umweltverbänden bereits seit Jahren geforderte Böllerverbot. Und plötzlich war in Radio und Fernsehen zu vernehmen, wie wohltuend doch der so ruhige, da unspektakuläre, Jahreswechsel gewesen sei.

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Da frage ich mich, das vergangene Jahr resümierend: Braucht es erst die Corona-Krise, um der Welt ein ökologischeres, entschleunigteres und letztlich vielleicht auch menschlicheres Antlitz zu verleihen und in den Fokus zu rücken, was uns wirklich wichtig ist? So birgt die Corona-Pandemie wie alle Phänomene Licht- und Schattenseiten in sich, Verlierer und Gewinner. Und ich glaube, mehr denn je ist in diesen Zeiten jeder Einzelne gefragt, sich zu entscheiden, auf welche Seite er sich stellen, welches Antlitz er der Welt von morgen durch seine (zum Beispiel Konsum-)Entscheidungen im Heute verleihen möchte: ein dem Untergang geweihte oder ein vom Prinzip der Nachhaltigkeit geprägtes?

Letztlich hat die Corona-Krise mit dazu beigetragen, herauszufinden, von welchen Werten unsere Gesellschaft, unsere Politik, unser Schul-, Gesundheits- und andere Systeme im Wesentlichen geprägt sind. Und welche Werte sie vertreten und an die nächsten Generationen weiterzugeben gewillt oder in der Lage sind.

Welche Werte der achtsamkeitsgeschulte Betrachter erblicken mag, welche sich ihm offenbaren mögen, hängt allerdings wie so vieles von seinem subjektiven, durch Wahrnehmungsfilter verzerrten und letztlich vergänglichen Blickwinkel ab.

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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