Der rechte Flügel
Sie werfen sich wechselseitig Feigheit vor, Beschädigung der Demokratie, Verrat von Anstand und Kultur: Fast könnte man meinen, die Katholiken in Deutschland seien sich selbst der ärgste Feind. Seit Wochen wird unversöhnlich gestritten über die Frage, ob Volker Münz, kirchenpolitischer Sprecher der AfD, vom Katholikentag in Münster wieder ausgeladen werden muss. Seine Präsenz auf einem Podium steht für den 12. Mai im Programm. Er soll mit den religionspolitischen Sprechern aller im Bundestag vertretenen Parteien über die Haltung zu Kirche und Religion in Staat und Gesellschaft diskutieren. Titel: »Nun sag’, wie hast du’s mit der Religion?«
Als das vor einigen Wochen öffentlich wurde, ging es los: Der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) forderte die Wiederausladung des Herrn Münz. Wer die AfD repräsentiere, könne nicht zur katholischen Familienfeier eingeladen sein, erklärte die BDKJ-Vorsitzende Lisi Maier in Publik-Forum. Der Katholikentag basiere »auf ethischen Voraussetzungen«, sei kein neutrales Terrain, sondern »der Küchentisch des Laienkatholizismus«, an dem solche Leute nichts zu suchen hätten. Das Münsteraner Institut für Theologie und Politik(ITP), vor allem von jungen Theologinnen und Theologen geprägt, sieht es ähnlich. »Den menschenverachtenden Positionen der AfD darf kein Podium geboten werden. Nur so kann das Motto des 101. Katholikentags ›Suche Frieden‹ glaubwürdig bleiben«, heißt es in einer Presseerklärung. Es sei »Feigheit, sich der AfD nicht entgegenzustellen«. Eine ganze Reihe von Theologinnen und Theologen sprangen den jungen Kollegen im März in der »Münsteraner Erklärung für eine mutige Kirche« zur Seite.
Die Veranstalter des Katholikentags, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und das Bistum Münster, schritten mitnichten zur Ausladung. Stattdessen erklärten sie, dass man einerseits gar nicht anders könne, als mit Münz zu sprechen, denn die AfD stelle »leider seit dem Wahltag eine große Fraktion im Bundestag«. Andererseits sei man auch davon überzeugt, so erklärte ZdK-Generalsekretär Stefan Vesper in Publik-Forum, »dass es angesichts der Realitäten in unserem Land und Parlament wichtig ist, in eine neue Phase der politischen Auseinandersetzung mit populistischen Strömungen einzutreten«. Mit anderen Worten: Dass man die AfD – wie beim Katholikentag in Leipzig 2016 – außen vor lasse, sei nicht mehr angesagt. Auch deshalb nicht – wie Vesper nicht erwähnt, aber sehr wohl weiß –, weil 2017 ein Evangelischer Kirchentag stattfand, der die AfD-Frage bravourös löste: Der Berliner Bischof Markus Dröge und die Juristin Liane Bednarz diskutierten mit Anette Schultner, damals Sprecherin der »Christen in der AfD«, öffentlich und auf hohem Niveau über die Frage nach der Vereinbarkeit des Christlichen mit dem Rechtspopulismus. Schultner trat später aus der Partei aus. Auch vor diesem Gespräch hatte es Forderungen gegeben, die AfD-Frau auszuladen.
Wo Münz und konservative Christen eins sind
Nun kommt also Herr Münz nach Münster. Der Diplom-Ökonom aus Baden-Württemberg, evangelisch, verheiratet, zwei Kinder, Mitglied des Kirchengemeinderates in Uhingen und der Bezirkssynode Göppingen, lässt manches national-konservative katholische Herz höher schlagen: Der Ex-CDU-Mann verlangt Bibeltreue, ist gegen die »Ehe für alle«, spricht über die »Gender-Ideologie«, die es zu bekämpfen gelte, will – aus sicherheitspolitischen Erwägungen – eine Begrenzung der Zuwanderung und ist nach Angaben von »AfD Watch Bundestag« Mitglied des Tempelritterordens Ordo Militiae Crucis Templi (OMCT), der ideell mit der AfD verbunden ist.
Bei allem Konflikt um die Einladungspolitik des Katholikentags gerät aus dem Blick, welche Herausforderung auf die Podiumsteilnehmer, auf den Moderator und auf das Publikum am 12. Mai wartet. Denn Münz, gemeinhin moderat im Ton, im Auftreten ganz »bürgerliche Mitte« und Kritiker völkischer Hetzreden à la Poggenburg und Höcke, hat weitaus mehr mit Teilen des deutschen Katholizismus gemein, als dieser bislang zu sehen bereit ist. Der Katholikentag muss sich der Frage stellen: Was ist katholisch?
Ist es katholisch, für die Familie als »Keimzelle der Gesellschaft« nur dann einzutreten, wenn sie aus heterosexuellen Personen – aus Vater, Mutter und Kindern – besteht? Ist es katholisch, die »Ehe für alle« abzulehnen, weil sie mit dem Naturrechtsdenken der kirchlichen Tradition schwer in eins zu bringen ist? Ist es katholisch, das biologische Geschlecht eines Menschen nicht von seinem sozialen zu unterscheiden? Zu behaupten, dass gesellschaftliche Rollen und Aufgaben »naturgegeben« sind, am biologischen Geschlecht hängen? Ist es katholisch, Normen und Werte strikt aus fundamentaler Bibeltreue und Anweisungen vatikanischer Kongregationen abzuleiten? Ist es katholisch, die Völker der Welt getrennt voneinander wertzuschätzen, auf Migration und daraus resultierender Veränderung der Gesellschaft aber mit Abwehr zu antworten? Ist es katholisch, der pluraler werdenden Gesellschaft mit Stoppschildern zu begegnen?
Manch konservativer Katholik, manch konservative Katholikin wird all diese Fragen bejahen. Herr Münz, evangelisch und kirchlich engagiert, wird auf diese Schnittstellen zu sprechen kommen. Er wird es mit gewinnendem Gestus tun, wenn man ihn lässt. Der gebürtige Niedersachse und eingeübte Schwabe steht für einen großen Teil der süddeutschen AfDler, die durch traditionelle Christlichkeit und bürgerlich-moderates Auftreten punkten. »Während im Osten Deutschlands das Motiv des christlichen Abendlands dazu dient, neue Bewegte zu finden, die völkisch-fremdenfeindlich denken und handeln, sucht die AfD im Südwesten Deutschlands nach Anknüpfung an christliche Milieus. Und sie ist damit sehr erfolgreich«, sagt die Theologin und Expertin für Rechtskatholizismus, Sonja Angelika Strube. Der Erfolg ist allerdings relativ: Bei der Bundestagswahl 2017 machten durchschnittlich zehn Prozent der Christen – elf Prozent der Protestanten und neun Prozent der Katholiken – ihr Kreuz bei der AfD. Die Zustimmung unter Nichtchristen ist deutlich höher.
Es gibt offenbar mehr als EIN Christentum...
Herr Münz wird dennoch zur Herausforderung des Katholikentags, der sich selbstkritisch damit auseinandersetzen muss, wo der Katholizismus in Deutschland heute steht. Es ist dies nicht nur eine Herausforderung für den sogenannten »Laienkatholizismus«, sondern auch für den Episkopat. Die katholische Deutsche Bischofskonferenz (DBK) ist gespalten; am aktuellen Konflikt um die (Nicht-)Einladung von Protestanten an den Tisch des Herrn kann man das ablesen, aber auch am sehr verschiedenen Umgang mit der pluralen Gesellschaft an sich. Während die einen sich abschließen, in den Katholizismus der Vergangenheit flüchten, sind die anderen innerlich offen und bereit, sich den Herausforderungen dieser Gesellschaft zu stellen.
Warum treten die unterschiedlichen, bisweilen unvereinbaren Christentümer in diesen Zeiten so deutlich hervor? Es ist die Sorge um »die gute Ordnung des Lebens«, die zum Grundsatzstreit über »Richtiges« und »Falsches« gerät. Der Streit ist nicht neu, sondern weist Jahrzehnte zurück. Schon die Rechtsintellektuellen der Weimarer Republik hatten christliche Sympathisanten: Unter Protestanten hofften manche Kreise auf ein antiliberales, die evangelische Machtstellung im Staat neu belebendes Bündnis nationalistischer Prägung. Unter Katholiken waren es die Anhänger absoluter Wahrheit, repräsentiert durch einen als unangreifbar gedachten Papst, die sich »konservativ« nannten, aber »rechts« meinten.
Konservativ: früher hieß das europafreundlich und sozial
Völkische, antiliberale und antipluralistische Vorstellungen wurden nach dem Ende der nationalsozialistischen deutschen Diktatur aber für Jahrzehnte zurückgedrängt. Die CDU, die die Geschicke der Bundesrepublik lange Zeit prägte, stand für einen pragmatischen, europafreundlichen und sozialen Konservativismus.
Rechte Denker und Denkerinnen, die das Wort »konservativ« gern für sich reklamierten, gab es trotzdem weiter. Sie überdauerten in ihren Kreisen lange Jahre in einer Bundesrepublik, die wenig Interesse an ihnen zeigte. Das änderte sich erst mit der Vereinigung Deutschlands. Zwei über vierzig Jahre gänzlich unterschiedlich geprägte Welten sollten sich nun als »eins« verstehen lernen. Für nicht wenige Menschen gelang das – und gelingt es bis heute – über die Wiederbelebung rechtskonservativer Traditionen. »Das Volk«, »die Nation« und »das Christentum« gingen in diesen Welten einen Pakt ein, der den Katholikentag 2018 beschäftigen muss, wenn er ein Zeichen setzen will. Es geht im Kern um die Frage, was »Nächstenliebe« bedeutet: auch »Fernstenliebe«, wie es Jesus nach der Überlieferung in der Bergpredigt lehrt? Oder geht es um Liebe nur für »das Volk«, »die Nation«, »die Heimat«? Der Streit über den Kern des Christlichen, des Konservativen und des Rechten ist überfällig. Es muss offen diskutiert werden: Wie viel AfD steckt im Christentum? Heute. Mitten in Deutschland.
Zu diesem Text gibt es ein Interview mit Liane Bednarz (@L_Bednarz). Die Juristin, die 2017 auf dem Kirchentag in Berlin mit Anette Schultner über »Christen in der AfD?« diskutierte, hat das rechtspopulistisch-christliche Milieu fünf Jahre intensiv beobachtet. Alles über Abgründe und absolute Wahrheiten – und warum Liane Bednarz sich so gut auskennt damit – finden Sie hier: »Ich habe erlebt, was da passiert«.
