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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 3/2018
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen
Der Inhalt:

Dalai Lama: »Wir brauchen eine globale Ethik«

Eine globale, säkulare Ethik ist in der gegenwärtigen Zeit wichtiger als die klassischen Religionen, sagt der Dalai Lama. Denn Religionen wie nationale Grenzen können trennend wirken. Ein Gespräch auch über Donald Trump, Herzenserziehung und religiöse Intoleranz
"Jetzt ist die Zeit gekommen zu verstehen, dass wir eine Menschheit auf einem Planeten sind", sagt der Dalai Lama (Foto: pa/AP/Manish Swarup)
"Jetzt ist die Zeit gekommen zu verstehen, dass wir eine Menschheit auf einem Planeten sind", sagt der Dalai Lama (Foto: pa/AP/Manish Swarup)

Publik-Forum: In den USA regiert Präsident Trump nach dem Motto »Make America great again«. Ist dieses Motto in den Zeiten der Globalisierung noch zeitgemäß?

Dieser Artikel stammt aus Publik-Forum 03/2018 vom 09.02.2018, Seite 20
Was ist der Mensch wert?
Was ist der Mensch wert?
Der Preis des Lebens und die Würde des Menschen

Dalai Lama: Wenn der Präsident sagt »America first«, macht er seine Wähler glücklich. Das kann ich verstehen. Aber aus globaler Sicht ist diese Aussage nicht akzeptabel. Amerikas Zukunft hängt auch von Europa ab und Europas Zukunft auch von den asiatischen Ländern. Die neue Realität ist, dass alles mit allem verbunden ist. Die USA sind die führende Nation der freien Welt. Deshalb sollte der US-Präsident mehr nachdenken über das, was für die ganze Welt relevant ist.

Müsste ein zeitgemäßes Motto nicht eher heißen: »Make the planet great again«?

Dalai Lama: Sicher. Leider hat Donald Trump den Austritt der USA aus dem Pariser Klimaabkommen verkündet. Dafür hat er sicher seine Gründe. Aber ich unterstütze diese Gründe nicht. Das Motto der Vorfahren der heutigen Amerikaner war Demokratie, Frieden und Freiheit. Die totalitären Regime haben keine Zukunft. Die USA sollte sich als Führungsmacht eng mit Europa verbünden. Ich bin ein Bewunderer der Europäischen Union. Sie ist ein großes und vorbildliches Friedensprojekt. Der Präsident der USA braucht eine Vision.

Auch in Europa spielt der Neonationalismus eine immer größere Rolle.

Dalai Lama: Neonationalismus ist ein ernstes Problem in vielen Nationen. Es ist zunächst einmal logisch, dass die vielen Nationen sich um ihre eigenen Belange kümmern. Aber die Geschichte lehrt uns: Wenn Menschen nur ihre nationalen Interessen verfolgen, gibt es Streit und Krieg. Das ist kurzsichtig und engstirnig. Das ist überholt. Die Zukunft einzelner Nationen hängt immer auch von den Nachbarn ab – davon, dass es auch ihnen gut geht.

Trumps Politik und seine Kriegsrhetorik führen zu einer Spaltung in den USA und in der Welt: einer Spaltung zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Amerikanern und Ausländern, zwischen Demokraten und Republikanern, zwischen Arm und Reich. Können die Religionen helfen, diese Spaltung zu überwinden?

Dalai Lama: Ja, in einem gewissen Grad. Aber die Religion allein schafft es nicht, diese Spaltungen zu überwinden. Mein favorisiertes Konzept ist die Herzensbildung und die Herzenserziehung.

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Was meinen Sie damit genau?

Dalai Lama: Unsere heutige Bildung ist hauptsächlich an materiellen Werten und an Verstandesbildung orientiert. Aber die Realität zeigt, dass wir mit dem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Es geht auch um Ziele wie Liebe, Mitgefühl, ein Gefühl für Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Vergebung. Und dies als Bildungsziele von den Kindergärten bis zu den Universitäten. Bildung muss ein globales Denken über die Zukunft der Welt vermitteln. Bei der Klimaerhitzung oder bei der globalen Wirtschaft gibt es keine nationalen Grenzen. Auch keine religiösen Grenzen. Jetzt ist die Zeit gekommen zu verstehen, dass wir eine Menschheit auf einem Planeten sind.

Zurzeit hat man den Eindruck, dass die Menschen mehr von Hass auf und Angst vor den jeweils Anderen geprägt werden.

Dalai Lama: Wenn wir voller Hass, Angst und Zweifel sind, bleibt die Tür zu unserem Herzen verschlossen, und jeder kommt uns verdächtig vor. So wird die Distanz zwischen uns selbst und den Anderen immer größer. Dies Spirale fördert Einsamkeit und Frustration.

Warum schaffen es die Religionen nicht, daran etwas zu ändern?

Dalai Lama: Schauen Sie nach Myanmar: Dort übt die buddhistische Mehrheit Gewalt gegen die muslimische Minderheit. Es ist ein Beispiel unter vielen für religiös begründete Intoleranz. Dahinter steckt ein Mangel an inneren Werten, die Religionen neigen auch zu Intoleranz. Deshalb haben die Religionen an Überzeugungskraft verloren. Intoleranz ist immer der falsche Weg. Jetzt ist eine globale säkulare Ethik wichtiger als die klassischen Religionen. Wir benötigen eine globale Ethik, die gläubige wie nichtgläubige Menschen, also auch Atheisten, akzeptieren können.

Was sollten die reichen Länder tun, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen?

Dalai Lama: Die Politik muss Mitgefühl für Menschen in Not zeigen. Migranten dürfen nicht diskriminiert werden. Ein paar Tausend Flüchtlinge jedes Jahr sind kein Problem für die reichen Länder. Deutschland hat in den letzten zwei Jahren sogar über eine Million Flüchtlinge aufgenommen, was ich sehr begrüße. Aber eine Million geht nicht jedes Jahr. Die reichen Länder haben die moralische Pflicht, Flüchtlingen Unterkunft, Nahrung und Bildung anzubieten. Aber auf lange Sicht sollten die Flüchtlinge wieder zurückkehren und ihre Heimat aufbauen. Die junge Flüchtlingsgeneration kann in den Industrieländern Berufe und neue Technologien lernen. Nehmen Sie die 100 000 tibetischen Flüchtlinge, die mit mir nach Indien geflohen sind. Die Mehrheit von ihnen will gar nicht dauerhaft außerhalb Tibets leben. Niemand verlässt freiwillig für immer seine Heimat.

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