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Corona und der Kuss

vom 04.04.2020
von Marlis Bütow
(Foto: Bütow)
(Foto: Bütow)

Der Urlaub auf der Nordseeinsel fiel buchstäblich ins Wasser, und Enttäuschung kroch mit der Coronasorge in unsere kleinen, wirklich kleinen vier Wände. Doch auch die Gewissheit darüber, dass all diese Maßnahmen, die uns alle zu überrollen drohten, wichtig und absolut richtig sind! Also, holten wir Meer und Sand in unser Mini-Wohnzimmer. Vogelsand fand sich, nach langem Suchen auch ein paar Rheinkiesel vom Sommerbesuch beim Enkelchen, ein paar kleine Muscheln und kleinste Wellhornschnecken vom letzten Frankreich-Urlaub fanden sich ebenso. Auf dem PC schlummerte der Text von R. Kunze »Rudern zwei ein Boot ...« und wartete auf Erweckung! In Endlosschleife wurde damit fix ein Blatt bedruckt, ein Segelboot daraus gefaltet. Alles zusammen mit einer Kerze auf dem Tisch in einer Schale drapiert. Ein Leuchtfeuer schenkt allezeit, besonders aber bei stürmischer See Orientierung! Unsere Kerze wurde zu einem solchen! So hockten wir bei den Mahlzeiten am »Strand«, tranken unseren Wein im Lichte des Leuchtfeuers und warfen, für Momente in Stille, alle Coronasorgen ins Meer! Dachten beim Blick auf die Kiesel ans Enkelchen und die Lieben in der Ferne, ließen Frankreich-Urlaubsfotos in Endlosschleife auf dem digitalen Bilderrahmen durchlaufen und wähnten den Wind im Haar. Es war, als klänge auch das Rauschen der Wellen in uns fort ...

Neu war, in diesen Tagen das stille Sein. Aller Lärm des Lebens von Corona verschluckt! Kein Kinderlachen auf den Straßen, kein Pausentrubel von der nahe gelegenen Schule hörbar, der angrenzende Sportplatz verwaist, als hätte der Rasen die Spieler und Jubelrufe, samt Bällen, ins Abseits gekickt. Die Stille, ansteckend wie das Virus, breitete sich ganz langsam auch in uns aus. Räume in uns öffneten sich, neue Gedanken und Ideen wurden geboren. Zeit fand sich, zwischen Telefonkonferenzen mit den Kollegen, für vieles, was sonst stiefmütterlich liegen geblieben war. Beim Aufräumen dekorierte ich auch die noch winterlich anmutende Magnetwand um. Eine Postkarte mit einem grün berankten frühlingsfrisch blühenden Rad und eine Mandalakarte, die nun täglich etwas farbenfroher leuchtet, hängen im Zentrum derselben. Aus kleinen magnetischen Buchstaben steht dort jetzt »Welt-Kuss-Jahr« und »Hab deine Seele lieb, sie soll frei sein, wie ein Vogel!« Auch: »Lachen, Liebe und Musik« ... Der Schellenengel von Paul Klee lächelt mir im Vorübergehen zu, manchmal ist es mir, als zwinkere er sogar!

Abends finden wir tägliche Mußestunden zum Erzählen, zum Teilen von Ängsten und Sorgen, zum Lesen, zum Spielen neuer Spiele und natürlich zum Singen. Anfangs waren es Liedergrüße an alle Enkel, »Der Mond ist aufgegangen«, alle sieben Strophen! Dann wurde es zum inzwischen lieb gewordenen Ritual: Jeden Abend ein neuer Gospel, eine bekannte Melodie, eine, die durch diese schwere Zeit trägt ...! Auch die Enkel bekommen Lieder aller Couleur als Sprachnachricht, oft humorvolle. Und natürlich gibt es in unserem oft gar nicht stillen Heim Küsse zu verschenken! Immer wieder – aber nun mit neuem Bewusstsein!

Es ist nicht selbstverständlich, einen geliebten Menschen an seiner Seite zu wissen, mit ihm Freude, aber auch Leid teilen zu können. Doch es ist in diesen Zeiten gut, mit lieben Menschen durch die Zeit zu gehen! Mit einem anderen lachen, das Leben in all seinen Facetten lebendig erhalten und leben – das geht auch auf engstem Raum! Da wir uns in dieser engen Wohnung so oft begegnen, können wir dem Welt-Kuss-Jahr und seiner Intention bestens gerecht werden! Hm, irgendwo, irgendwann habe ich einmal gelesen, dass küssen die Abwehrkräfte stärkt! »Lagom!«, genau richtig in dieser Zeit! Natürlich nur, so man in einem Haushalt wohnt! Bleiben wir also daheim und zuversichtlich! Lustig wäre wohl auch ein Kuss- Versteckspiel! Nun dafür ist meine Miniwohnung leider zu überschaubar. Na, vielleicht als Anregung für Familien? Kinder lieben Versteckspiele, und wer will in diesen Zeiten seine Abwehrkräfte nicht mobilisieren? Küssen wir uns also durch Coronazeiten! Auch für Ehepaare mit längst erwachsenen Kindern, in großen Häusern, könnte das mal eine neue Aktivität sein! Verbunden mit viel Bewegung bei Ausgehverboten und geschlossenen Fitnessstudios.

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Treppauf, treppab, und dann zum Schluss, gibt‘s endlich wieder mal ‘nen Kuss!

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Alle Beiträge des Erzählprojektes »Die Liebe in Zeiten von Corona«

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Christian Lundbeck
13.04.202018:33
Lagom, so sagte mir das Internet,kommt aus dem Schwedischen und bedeutet so viel wie „gerade richtig“, eben nicht zu viel und nicht zu wenig, die ideale Balance, Mittelweg, Ausgewogenheit, Konsens. - Hoffentlich saufen Menschen derzeit nicht zu viel und streiten sich nicht in der häuslichen Enge! Lachen, singen, küssen, beten ist besser und schöner! C.L.