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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2019
Respekt. Vertrauen. Versöhnung
Was der Mensch zum Leben braucht
Der Inhalt:

Weihnachtsdogmen

vom 20.12.2019
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Ich bin wirklich keine Dogmatikerin. Mein Mann mag Musik, die ich zuletzt in der achten Klasse gehört habe – und ich liebe ihn trotzdem. Ich rauche schon lange nicht mehr, aber empfinde Sympathie für Menschen, die sich wider besseres Wissen gegen den Trend stemmen und von Zeit zu Zeit unter fadenscheinigen Ausreden vor Türen und auf Balkone flüchten. Meine Freundin Jule hat eine Couch aus Glattleder, die ich zum Fürchten finde und auf der ich trotzdem einige der lustigsten Abende meines Lebens verbracht habe. Von mir aus dürften Supermärkte auch gerne das ganze Jahr über Spekulatius verkaufen, obwohl Deutschland dann um ein wichtiges Smalltalk-Thema ärmer wäre (»Es ist nicht mal Oktober, und ratet, was ich im Regal bei Nahkauf gesehen habe …«) – lecker ist lecker, egal wann.

Seit Anfang Dezember allerdings wankt mein Weltbild. Zuerst dachte ich an eine persönliche Geschmacksverirrung von Jule, als sie beim Freundinnen-Teetrinken zum 1. Advent mittels einer Fernbedienung ihren Weihnachtsbaum illuminierte, der bereits auf einer parkettschützenden rot-goldenen Decke in einer Wohnzimmerecke stand. Ist das erlaubt? Ich war schockiert.

Den Weihnachtsbaum kauft man frühestens Mitte Dezember, damit er (in ein Netz gerollt) auf Balkon oder Terrasse auf den großen Tag wartet. Am Morgen des 24. Dezember geht jemand in den Keller und holt die Kiste mit dem Schmuck herauf. Dann, erst dann, dürfen die Kinder mit dem Schmücken loslegen. Und die Kerzen brennen bitte das erste Mal bei der Bescherung. Irgendwo muss sich mein Dogmatismus ja austoben.

Doch warum sind auf einmal schon ab Ende November Bäume im Angebot? Weil es sich doch lohnen muss, wenn man sich auffällige Botanik in die Wohnung stellt? Weil der Schmuck aus dem Designladen teuer genug war und man die Feiertage fern des nadelnden Gesamtkunstwerks beim Verwandten-Hopping verbringt, um danach in den Skiurlaub abzurauschen?

Nein, an Weihnachten muss nichts Sinn ergeben. Es ergibt ja schon keinen Sinn, historisch haltlose Geschichten von einem Stern und einem Baby in einer Krippe zu erzählen, dazu Essen mit zu vielen Kalorien zu servieren und Läden heimzusuchen, als hätten sie nur drei Wochen im Jahr geöffnet. Weihnachten feiern wir, weil eben nicht alles im Leben in einen kurzen Impulsvortrag passen muss, der Geschäftspartner überzeugt.

Tradition, Geschmack und Pragmatism

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