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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2018
Gott wird Wort
In der modernen Welt vom Unsagbaren reden
Der Inhalt:

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung«

von Britta Baas vom 21.12.2018
1977: Helmut Schmidt und Anwar as-Sadat erleben eine Silvesternacht auf dem Nil. Sie hat die Weltpolitik berührt. An das berühmte Religionsgespräch erinnert der Theologe Karl-Josef Kuschel zum hundertsten Geburtstag der beiden Staatsmänner

Publik-Forum: Herr Professor Kuschel, die Politiker Helmut Schmidt und Anwar as-Sadat haben Sie zu einem Buch inspiriert. Es dreht sich darin um ein einziges Gespräch zwischen den beiden, in der Nacht des 31. Dezember 1977 auf dem Nil. Es ist 41 Jahre her: Was soll uns heute daran interessieren?

Karl-Josef Kuschel: Es ist zunächst einmal ein Gespräch, das man von Schmidt so gar nicht erwartet. Es passt nicht zu dem Image, das viele ihm als rein funktionalem Macher verpasst haben. Deshalb ist es vielen auch unbekannt. Er selbst aber hat immer wieder öffentlich von seiner Begegnung mit Sadat berichtet, von diesem Gespräch über Religion, wie es einmaliger und bedeutender kaum sein könnte. Es hat Helmut Schmidt verändert. Auf eine Weise, wie es viele Menschen heute verändern könnte. Er, der ja nicht für emotionale Ausbrüche bekannt und auch nicht sonderlich religiös war, schreibt im dritten Band seiner Memoiren über Sadat die Sätze: »Niemals vorher oder nachher habe ich mit einem ausländischen Staatsmann derart ausführlich über Religion gesprochen. Ich habe ihn geliebt. Wir waren bis auf zwei Tage gleichaltrig. Unsere nächtliche Unterhaltung auf dem Nil gehört zu den glücklichsten Erinnerungen meines politischen Lebens.« Und wenn schon Helmut Schmidt zu so einem öffentlichen Liebesbekenntnis fähig ist, dann muss wahrhaftig etwas passiert sein unter dem Sternenhimmel Ägyptens.

Was ist denn passiert?

Kuschel: Die beiden Männer haben einander wirklich erreicht. Es war ein tiefes Verstehen zwischen ihnen, in dieser Silvesternacht.

Eine echte Verbindung …

Kuschel: Ja. Es gibt einen wunderbaren Satz von Martin Buber, dem großen jüdischen Religionsphilosophen: »Alles wirkliche Leben ist Begegnung.« Genau das müssen Schmidt und Sadat gespürt haben. Es war eine Begegnung, die etwas bewirkte, veränderte, die neue Perspektiven erschloss. Helmut Schmidt hatte das Glück, in Anwar as-Sadat eine Vertrauensperson zu haben, die er von mehreren Staatsbesuchen in Bonn schon gut kannte. Nun machte Schmidt mit seiner deutschen Delegation einen Gegenbesuch. Dem offiziellen Termin folgte ein privates Programm. Dazu gehörte die Fahrt auf dem Nil von Luxor nach Assuan, einen Tag und eine Nacht.

In den kommenden Weihnachtstagen würden beide Mä

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