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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2017
Was Menschen wirklich brauchen
Ein Gespräch mit dem Soziologen Hartmut Rosa über die Sehnsucht nach Resonanz
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Wunderbare Weihnachtszeit

vom 22.12.2017

Weihnachten ist wunderbar. Das hat einerseits damit zu tun, dass kein anderes Fest so herrlich durchgeplant ist. Und dann auch noch von jeder Familie auf ganz individuelle Weise. Bei meiner Freundin Jule zum Beispiel müssen Würstchen mit Kartoffelsalat auf den Tisch. »Schon klar, das ist nicht besonders kreativ, aber weißt du, es wäre sonst einfach kein richtiges Weihnachten für mich. Und die Kinder essen es ohne Murren, das kommt noch dazu.« Ich dagegen wäre sehr irritiert, wenn ich nach der Bescherung Frankfurter mit kalten Kartoffeln essen müsste. Meine Eltern bestanden auf Garnelen mit Weißbrot. Und bei uns heute wären sogar die Kinder entsetzt, wenn Gans und Rotkraut fehlen würden. Auch wenn sie den Vogel und das Kraut verschmähen und wir deshalb immer Würstchen in der Hinterhand haben – es muss eben alles sein wie immer.

Doch wie langweilig wäre es, wenn es tatsächlich so käme! Der zweite Grund, weswegen Weihnachten großartig ist: Weil immer an irgendeiner Stelle das Drehbuch aussetzt und alles ganz anders kommt. Sind doch Wisst-ihr-noch-Gespräche das eigentlich Vereinende, wenn eine Handvoll bis ein Dutzend Menschen, die sich den Rest des Jahres eher sporadisch sehen, um eine festlich gedeckte Tafel sitzen. Wisst ihr noch, wie Papa im Eifer des Gefechts nicht den Weihnachtsbaumstamm, sondern den Ständer zerhackt hat, als das Gewächs sich als zu groß für die gute Stube erwies? Wisst ihr noch, wie die Katze am Weihnachtsmorgen den Karton mit den hauchdünnen Glaskugeln vom Tisch gefegt hat? Und wie sich die knusprig gebratene Gans beim Zerteilen als fast fleischloses Gerippe erwies, sodass die Würstchen aus dem Glas, gekauft für die Kinder, für alle als Ersatz herhalten mussten?

O ja, wir erinnern uns sehr gut! Jule hat bis heute nicht verwunden, was an einem stürmischen Dezembertag vor sechs Jahren geschah: Ihr Mann brachte ihr von einer Dienstreise nach Dresden endlich diese wunderschöne Weihnachtspyramide mit, die sie schon immer hatte haben wollen – es ist »die einzige, auf der Josef keine Prinz-Eisenherz-Frisur hat!« –, und dann fing das filigrane Gebilde auf der Fensterbank Feuer, weil der Wind durch die Fugen drang. Jule besitzt zwar inzwischen wieder ein baugleiches Modell, aber die Dramatik der Geschichte ist ungebrochen.

Es kommt anders als geplant: Ist das nicht überhaupt die Essenz von Weihnachten? Maria und Josef hatten ja auch eher andere Vorstel

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