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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

Von einem, der auszog, sensibel zu werden

von Eva-Maria Lerch vom 18.12.2015
Märchen bringen Ordnung in die Gefühle der Kinder, sagt Rüdiger Haar. Erwachsene erleben das eher beim »Tatort«

Publik-Forum: Die Märchen der Brüder Grimm handeln von Königshäusern, Spinnrädern und Schneiderlein. Was haben sie in Zeiten des Internets noch zu sagen?

Rüdiger Haar: Märchen sagen auf einfache Weise, worum es im Leben geht. Auch wenn die Welt, in der sie spielen, nicht mehr die heutige ist, illustrieren sie doch in starken Bildern die Konflikte und Ängste, Wege und Lösungen, die für die kindliche Welt bestimmend sind.

Konflikte und Ängste erleben wir alle. Warum sprechen die Märchen vor allem Kinder an?

Haar: Kleine Mädchen und Jungen leben zunächst in einem dualistischen Weltbild, wo es nur Gut und Böse gibt. Die Märchen helfen ihnen, differenzierter hinzuschauen, die Facetten von Gut und Böse in einer verwirrenden Welt genauer zu unterscheiden. Denken Sie an Hänsel und Gretel: Am Anfang des Märchens erleben die beiden ihre Eltern als eine verwirrende Mischung von Gutem und Bösem. Es sind zwar die Eltern, denen sie in kindlichem Vertrauen folgen, und doch werden sie von ihnen alleingelassen …

… im finsteren Wald.

Haar: Ja, das ist eine Geschichte, die fast alle Kinder bewegt – auch solche, die eigentlich ganz behütet aufwachsen. Da spiegelt sich ein menschliches Grundgefühl: die existenzielle Angst vor dem Verlassenwerden, nicht geliebt zu sein.

Und die wird durch das Märchen geheilt?

Haar: Es zeigt Mädchen und Jungen, wie sie durch Solidarität und Pfiffigkeit überleben, ihre Fähigkeiten entdecken und die Situation aus eigener Kraft zum Guten wenden können. Das stärkt die Ich-Funktion. Zugleich wird das Böse aus ihrer Familie – im Symbol der Hexe – isoliert und vernichtet: Nachdem die Hexe verbrannt ist, sind auch die Eltern von Hänsel und Gretel wieder liebevolle Menschen geworden, die ihre Kinder freudig in die Arme schließen. So vermittelt das Märchen eine differenzierte Sicht von Gut und Böse und beschreibt Prozesse, wie Menschen sich entwickeln und verwandeln können.

Wie wirken Märchen auf Erwachsene?

Haar: Die meisten Erwachsenen lesen heute keine Märchen mehr – sie gucken stattdessen den Tatort. Der Tatort ist auch ein Märchen: Auch im Fernsehkrimi werden bedroh

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