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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

»Gott ist im Fleische«

von Norbert Scholl vom 18.12.2015
Was bedeutet Inkarnation? Eine physikalisch-theologische Betrachtung zu Weihnachten

An Weihnachten werden sich die sonst leeren Kirchen wieder füllen. Der Besuch des Weihnachtsgottesdienstes gehört für viele Christen ebenso zum ehrwürdigen Brauchtum wie der mit Kerzen geschmückte Baum und die Bescherung. Dann wird man auch die alten Lieder singen vom »Vater im Himmel«, vom Kind in der Krippe, von den jubelnden Engeln und den frommen Hirten. Vielleicht gehört auch das Lied des Mystikers Gerhard Ter steegen (1697-1769) dazu: »Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr Engel in Chören«. Die vierte Strophe beginnt mit dem Vers: »Gott ist im Fleische, wer kann dies Geheimnis verstehen?«

»Gott ist im Fleische« – der Satz steht fast wörtlich so im Johannesevangelium: »Das Wort ist Fleisch geworden.« Der griechische Urtext verwendet das Wörtchen »sarx« für »Fleisch«. Gemeint ist damit die Körperhaftigkeit, die »materielle Seite« des Menschen. Wenn man diesen engen Bezug auf das »Wort«, auf den »menschgewordenen Gottessohn«, auf Gott überhaupt ausweitet, dann eröffnet sich ein völlig neues, irritierendes Gottesbild: »Gott ist i(n jede)m Fleische« – nicht »droben überm Sternenzelt«, nicht »auf dem Himmels thron«, sondern unten, »im Fleische«, in der Materie.

Dank der neueren Naturwissen schaften wissen wir, dass Materie zu 99,9999999999 Prozent aus leerem Raum besteht. Was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen, ist physikalisch gesehen nahezu – nichts. Unsere Wahrnehmung der Materie ist genau genommen eine Sinnestäuschung. Keine Wahr-Nehmung, sondern eher eine Falsch-Nehmung. Jeder Atomkern enthält Protonen, Neutronen und Elektronen, die durch eine unglaublich starke Wechselwirkung aneinander gebunden sind. Sie kreisen wie Planeten um die Sonne. Aufgrund der extrem geringen Größe sind diese Atomteilchen nur mit Elektronenmikroskopen zu erkennen.

Materie als Prozess denken

Der amerikanische Theologe Matthew Fox, ein prominenter Vertreter der Schöpfungsspiritualität, wirbt deshalb für ein anderes Verständnis von Materie: Statt uns vorzustellen, »die Natur bestünde aus unveränderlichen Atomen, aus Materieteilchen, die ewig fortdauern«, sollte man Atome als »komplexe Aktivitätsstrukturen« betrachten. »Wir sehen die Materie mehr als einen Prozess denn als einen Gegenstand. (...) Die Materie ist nicht mehr das grundlegende Erklärungsprinzip, sondern wird selbst in Begriffen grundleg

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