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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Das war furchtbar«

von Constanze Bandowski vom 18.12.2015
Vor elf Jahren zerstörte der Tsunami ihr Dorf im ostindischen Tamil Nadu: Sathiyaseelan und seine Mutter haben überlebt

An den 26. Dezember 2004 kann ich mich noch genau erinnern. Wie sollte ich diesen Tag je vergessen? Ich war damals 13 Jahre alt. Es war Sonntagmorgen und ich spielte draußen im Sand, etwa hundert Meter von unserem Haus entfernt. Plötzlich kamen andere Jungs vom Strand angelaufen und schrien: »Das Wasser kommt! Lauf! Das Wasser kommt!« Ich blickte hoch und sah diese gigantische Welle. Sie war riesengroß, wie eine Mauer, unfassbar. Ich sprang auf und rannte um mein Leben.

Unser Haus ist aus solidem Stein gebaut. Meine Mutter hatte acht Jahre gespart, bis sie 2001 das Grundstück kaufen konnte und mit dem Bau begann. Sie hat mich alleine großgezogen, denn mein Vater starb kurz nach meiner Geburt bei einem Verkehrsunfall. Ich bewundere meine Mutter, denn sie hat ihr Leben lang gerackert, um mich zur Schule schicken zu können und mir eine Ausbildung zu ermöglichen. Das schaffen die wenigsten Leute in Tamil Nadu – vor allem, wenn sie alleinerziehende Frauen sind. Normalerweise bringen die Männer das Geld nach Hause, die meisten sind Fischer oder Bauarbeiter. Meine Mutter hat uns aber ein schönes Zuhause aufgebaut. Zuvor lebte sie mit mir in einer kleinen Hütte und machte jeden Tag Teig für Fladen. Den verkaufte sie in der Nachbarschaft. Von dem Geld hat sie immer etwas zur Seite gelegt, bis sie sich ein richtiges Haus leisten konnte. Dort hat sie im Erdgeschoss einen kleinen Laden betrieben. Es ging uns also nicht schlecht. Ich ging in die Schule. Dann kam der Tsunami.

Auf dem Dach haben wir eine Terrasse, die man von außen über eine Treppe erreichen kann. Meine Mutter wusch draußen Wäsche, als ich mit den anderen angerannt kam. »Hoch«, brüllte ich ihr zu. »Nach oben!« Meine Mutter ließ alles stehen und liegen. Wir schafften es gerade noch rechtzeitig die Treppe hinauf. Das Wasser toste unter uns. Es drang einen Meter hoch in unser Haus hinein. Zum Glück brach die Welle vorher, aber die Wassermassen waren trotzdem furchtbar. Als sich das Wasser nach einer Stunde zurückzog, lagen überall tote Körper herum. Leichen und Schlamm – so weit wir blicken konnten. Die Hütten der Nachbarn waren komplett zerstört. Nur unser Haus und ein paar andere Gebäude aus Stein waren stehen geblieben. Diesen Anblick werde ich nie vergessen.

Der Tsunami hatte zwar unser Haus verschont, aber im Erdgeschoss war alles vernichtet – sämtliche Vorräte im Laden, die Möbel: Wir hatten nichts mehr. Wir

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