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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2015
Friede auf Erden!
Navid Kermani über die Macht der Feindesliebe und das Geheimnis Gottes
Der Inhalt:

An inneren Kämpfen wachsen

von Norbert Copray vom 18.12.2015
Wir alle leben mit Widersprüchen in uns – und versuchen sie oft genug zu verdrängen. Dabei bieten sie uns eine große Chance. Eine Reflexion

Geht es Ihnen auch so: Sie spüren fast täglich Ihre eigenen Widersprüche. Und die von anderen, die uns nahe sind oder die wir durch Medien beobachten. Wir sind paradox: Wir wollen Flüchtlinge in unser Land lassen – doch nicht zu nah. Wir wollen die Energiewende – aber ohne Windräder und Stromleitungen vor der Haustür. Wir wollen gesunde Lebensmittel, eine natur- und tierverträgliche Landwirtschaft, aber keine steigenden Kosten. Wir treten für Offenheit und Kritik ein – und wollen selbst aber davon verschont bleiben.

Wie mit unserer eigenen »kognitiven Dissonanz« umgehen? Sie ist für uns ein unangenehmer und meist unbewusster Zustand. Er tritt ein, wenn wir Entscheidungen getroffen, etwas gedacht, gesagt oder getan haben, was unseren eigenen innersten Überzeugungen, Werten und Gefühlen zuwiderläuft. Um diesen unangenehmen Zustand zu reduzieren oder gar ganz zum Verschwinden zu bringen, bieten Menschen ein ganzes Arsenal an Vorurteilen, Selbstüberredungen, Rationalisierungen, Selbstbetrügereien und Grabenkämpfen auf. Und das nur, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen und nicht im emotionalen Konfliktzustand der Dissonanz zu bleiben. Bereits 1957 hat der US-Psychologe Leon Festinger diesen Mechanismus beschrieben. Er umfasst auch, dass wir Informationen und Gegenmeinungen ausblenden oder abschwächen, um nicht irritiert zu werden, nachzudenken oder gar unser Denken und Handeln ändern zu müssen.

In solchem Verhaltensmuster ist es leicht zu sagen: Ich habe keine Widersprüche. Denk ste! Widerspruchsfreie Identität – das war einmal. Heute leben wir eine paradoxe Identität. Das eigene Leben gestalten müssen und dabei neben sich stehen, das strapaziert, belastet etliche so sehr, dass sie daran leiden, Burn-out, Depression oder gar schizoide Verhaltensweisen entwickeln.

Wir sind Teil einer gesellschaftlichen globalen Moral, die eine kapitalistische Marktwirtschaft stützt und intendiert. Wir sind geprägt von der Gruppenmoral unserer näheren Umgebung und den Institutionen, denen wir aufgrund unserer verschiedenen Rollen angehören. Allein damit ist ein großes Bündel an Widersprüchen gegeben: Wir scheinen verdammt dazu, unserem eigenen und dem materiellen Profit anderer zu dienen – und sollen uns zugleich an immateriellen, sozialen, ökologischen, gemeinwohlbestimmten Werten orientieren. Wir sind eingepasst in fast unausweichliche Netzwerke, die im digitalen Zeitalter mächtige

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