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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 24/2014
Handeln, als ob es das Gute gäbe
Weihnachten
Der Inhalt:

Aufgefallen
Der Mann am Flügel

von Elisa Rheinheimer-Chabbi vom 19.12.2014
Davide Martello tourt mit seinem Klavier durch die Welt und spielt für den Frieden – in Afghanistan, in der Ukraine, auf dem Taksim-Platz in Istanbul

Wenn er spielt, kehrt Ruhe ein. Die Menschen bleiben stehen, hören zu – und sind verzaubert. So war es auf dem Taksim-Platz in Istanbul, auf dem Maidan in Kiew, in Donezk in der Ostukraine. Davide Martello ist Straßenmusiker – und zu einem Helden geworden. »Friedensengel am Flügel« titelten die Medien, nachdem er es geschafft hatte, dass die Ausschreitungen in der Türkei zwei Tage lang fast zum Erliegen kamen, weil er die ganze Nacht hindurch gespielt hatte. Aber der Begriff »Friedensmusiker« sei ihm zu groß, sagt er, auch wenn Frieden seine Botschaft sei. Ein wenig schüchtern wirkt der schlanke, junge Mann, der stets mit einem Filzhut am Piano sitzt. Keiner, der gerne im Rampenlicht steht.

Als Kind italienischer Einwanderer wurde Davide 1981 in Lörrach geboren. Mit vier Jahren begann er Klavier zu spielen, mit dreizehn komponierte er sein erstes eigenes Stück. Doch die Musik lief lange Zeit nebenher. Nach dem Hauptschulabschluss machte Davide eine Frisörlehre und arbeitete viele Jahre in Konstanz. Mit 28 kündigte er seine Stelle, kaufte sich einen alten Flügel und baute ihn mit Elektronik aus, damit er verschiedene Witterungsverhältnisse überstehen konnte. Denn Davides Bühnen sind die Plätze dieser Welt.

»Klavierkunst« heißt sein Projekt, und sein Ziel sei es, in allen Hauptstädten der Welt einmal gespielt zu haben. Das will Davide nicht in Konzertsälen, sondern auf öffentlichen Plätzen. Lieder wie »Imagine« von den Beatles gibt er genauso zum Besten wie Stücke von Bach und selbst komponierte Lieder. Und der 33-Jährige musiziert für alle: »Musik ist parteilos«, betont er. »Die Kunst, die Kultur und die Musik sollten über der Politik stehen, über dieser ganzen bürokratischen Welt. Das ist mein Geheimziel«, sagt er und lacht. Ein großer Planer ist der Musiker nicht. Wo er als Nächstes auftritt, entscheidet er spontan.

An Weihnachten 2012 spielte er für die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. »Da gab es Momente, wo ich Angst um mein Leben hatte«, sagt er. »Zum Beispiel in Kundus, als ich diese Kanonenschläge gehört habe, während ich gespielt habe. Da hatte ich wirklich Angst.« Langsam sagt er das, mit langen Pausen zwischen den Wörtern.

Kürzlich geriet er durch Zufall in eine Hooligan-Demo in Köln und deeskalierte mit einem Spontankonzert. Auch nach Offenbach reiste er, um vor dem Krankenhaus für die verstorbene Studentin Tugce zu spielen, di

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