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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2018
Letzte Zuflucht
Die Christen und der Staat: Das Ringen ums Kirchenasyl
Der Inhalt:

Nana, Lulu und die Würde des Menschen

von Michael Schrom vom 07.12.2018
Erstmals hat ein Wissenschaftler das Erbgut von Babys manipuliert. Ein gravierender Tabubruch

Noch wissen wir nicht, ob Nana und Lulu wirklich als genveränderte Babys geboren worden sind. Es gibt (bis Redaktionsschluss) weder Fotos von ihnen oder von ihren Eltern noch eine wissenschaftliche Dokumentation der Keimbahnveränderung. Es gibt nur ein dubioses Video, in dem He Jiankuai von der Southern University of Science and Technology Shenzen behauptet, er habe mithilfe der Gen-Schere Crispr Cas die ersten genmanipulierten Menschen in der Geschichte erschaffen. Dass He dazu in der Lage ist, bezweifelt jedoch niemand. Bei Affen wird das Verfahren schon seit 2013 erfolgreich angewendet. Biologisch gesehen ist der Sprung vom Affen zum Menschen nicht groß. Und dass im Wettlauf um Patente (und damit Märkte) die Genforschung am Menschen weltweit mit Milliardensummen vorangetrieben wird, ist kein Geheimnis. Entsprechend lapidar klingt die Rechtfertigung des Forschers: Wenn ich es nicht gemacht hätte, hätte es ein anderer gemacht. Man kennt dieses Argument aus unzähligen anderen Kontexten.

Nun ist die Empörung groß. Selbst Hes Universität distanziert sich. Dennoch dürfte auch viel Scheinheiligkeit im Spiel sein. Schließlich wurde He von der amerikanischen Eliteuniversität Stanford abgeworben, vermutlich verbunden mit dem Versprechen, in Shenzen ohne lästige ethische Beschränkungen »frei« forschen zu können. Aber auch die Amerikaner sind in ethischen Fragen keineswegs restriktiv. 2016 kündigten sie eine – ohnehin wachsweiche – internationale Selbstverpflichtung auf, wonach man bei gentechnischen Experimenten am Menschen nur dann voranschreiten wolle, wenn darüber ein großer gesellschaftlicher Konsens vorherrscht.

Dass Wissenschaftler vorpreschen und sich dabei über Tabus und Konventionen hinwegsetzen, ist nichts Neues. Manchmal ist es sogar unvermeidlich. Als Ärzte zu Forschungszwecken Leichen sezierten oder das erste Retortenbaby zur Welt kam, gab es darüber auch keinen gesellschaftlichen Konsens. Auch das waren Tabubrüche. Der jetzige ist allerdings ungleich gravierender – auch wenn er mit der harmlosen Rechtfertigung daherkommt, was denn schlimm daran sein soll, wenn der Mensch eindeutig definierte Krankheiten mithilfe der Gen-Schere aus seinem Erbgut herausschneidet.

Nicht nur, dass beim gegenwärtigen Stand des Wissens unerwünschte Nebenwirkungen höchst wahrscheinlich sind und in Kauf genommen werden. Eingriffe in die Keimbahn betreffe

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