Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2017
Wie kommt Gott in die Welt?
Ein muslimisch-christliches Gespräch zum Advent
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Du bist mein Gedächtnis«

von Regine Lormann vom 08.12.2017
Am Anfang beherrschten Wut und Angst ihr Leben. Heute kann Renate Leonhardt (77) mit der Demenz ihres Mannes gut umgehen

Ende 2015 feierten wir in großer fröhlicher Runde den achtzigsten Geburtstag meines Mannes. Mein Mann wollte wie immer nichts von einer Feier wissen. Und von der großen roten Achtzig, die da in seinem Terminkalender stand, behauptete er, das sei der 80. November. Aber während der Feier trug er dann zu aller Erstaunen fehlerfrei und mit viel Humor eine Wilhelm-Busch-Geschichte vor, die er seit seiner Kindheit kannte.

Mein Mann hat eine Demenzerkrankung, die Diagnose bekamen wir vor etwa acht Jahren. Er vergisst jetzt fast alles. Auch selbstständiges Lesen – was ihm in seinem früheren Beruf das Wichtigste überhaupt gewesen ist – geht nicht mehr, denn in der fünften Zeile hat er die ersten vier schon vergessen. Auch »Erinnerungsarbeit«, eventuell mit alten Fotos, findet nicht mehr statt, weil sie nur zu Traurigkeit über die Vergesslichkeit führt. Aber stattdessen erfindet er jetzt täglich eigene Verse, deren Humor, Sprachwitz und Lebensweisheit mich immer wieder berühren und amüsieren.

Als ihm einmal wieder sein »Gehirn abhandengekommen« war, sagte er: »Ich brauche Bewegung und geistige Regung.« Damit hat er intuitiv die Grundbedürfnisse von Demenzerkrankten formuliert. Und so gehören Wanderungen, bei denen er sich über Bäume, Wolken, Tiere freut, auch schon mal Gespräche mit ihnen führt, zu unserem Leben. Ebenso wie das Singen alter Volkslieder, Musik hören, Diskussionen über Zeitprobleme.

Zu Beginn seiner Erkrankung war mein Leben von ständigen Irritationen, Angst, Wut, Verzweiflung belastet. Angehörige von Demenzerkrankten wissen, wovon ich spreche. Heute gelingt es mir besser, eine möglichst stressfreie Atmosphäre zu schaffen, und mit den täglichen Herausforderungen – ständige Wiederholungen, Fragen, Zwangsvorstellungen, Fehlleistungen – kann ich inzwischen gelassener umgehen. Aber natürlich merke ich auch, dass die nervliche und auch körperliche Belastung durch die zunehmenden Symptome wächst.

Besonders schwer zu ertragen ist die ständige Angst meines Mannes, verlassen zu werden, in einer immer unverständlicher werdenden Welt allein zu sein. Und die Momente großer Traurigkeit, in denen er sich seiner Lage bewusst wird: »Mein Kopf ist weg!« Das muss ich dann ganz schnell verdrängen, ihn trösten, ablenken, am besten mit einem Scherz oder einem Kuchenangebot. Ich habe ja gelernt, dass auch die schrecklichen Gedanken zumeist nur sekundenlan

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen