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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2016
Mit Feinden reden
Ex-Diplomat Michael Steiner über die Magie des Verhandelns
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich habe einen Traum«

von Bernhard Clasen vom 02.12.2016
Kateryna Yasko (39) lebt in der Ukraine. Sie will Menschen in ihrem Land versöhnen – über die Fronten hinweg

Ich habe einen Traum: dass sich Menschen in der Ukraine über die Fronten hinweg begegnen. Bewohner von beiden Seiten treffen sich auf neutralem Gebiet. Ich schließe die Augen und stelle mir vor, wie sie sich gegenseitig fragen: »Willst du wirklich auf mich schießen?« Ich werde an diesem Traum festhalten. Als Mediatorin ist es schließlich mein Job, in Konflikten zu vermitteln. Und ich bin überzeugt: Demokratie ist die Herrschaft eines Volkes, das ständig mit sich selbst verhandelt.

Ich hatte Glück, konnte in der Ukraine internationales Recht, Wirtschaftswissenschaften und Psychologie studieren. Doch am meisten geprägt hat mich die Folge einer Katastrophe: der Katastrophe von Tschernobyl. Ich war zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls neun Jahre alt, lebte in Kiew. Das liegt nur hundert Kilometer von Tschernobyl entfernt. Ich war zu jung, um das wirkliche Ausmaß des Reaktorunfalls zu begreifen.

Das Entsetzen meiner Eltern aber vergesse ich nie. Und dann passierte das Unvorhergesehene in meinem Leben. Ich wurde im Rahmen eines Programmes »Die Kinder von Tschernobyl« mehrmals zu Erholungsfahrten nach Italien eingeladen. Das war für Kinder in der Ukraine, die normalerweise wie auch die Erwachsenen nur schwer das Land verlassen konnten, ein Glücksfall. Fünf Jahre lang reiste ich jedes Jahr nach Italien. Seitdem spreche ich Italienisch. Das Land hat mich sehr geprägt. Ich habe in dieser Zeit gelernt, wie wichtig es ist, andere Kulturen kennenzulernen und mit ihnen in einen Dialog zu treten.

Bei meinen Austauschprogrammen für Schüler verschiedener Regionen der Ukraine und wenn ich Lehrer und Mediatoren in Gewaltfreier Kommunikation ausbilde, dann erlebe ich immer wieder, wie sehr die Menschen in meinem Land traumatisiert sind. Das tut mir weh. Diese verdammte Ohnmacht, die ich so oft hier spüre. Nicht zuletzt, weil es diesem vom Krieg geschundenen Land an Mediatoren und Dozenten fehlt, die Lehrer in Gewaltfreier Kommunikation ausbilden können. Dabei sind emotionale Bildung, Empathie und Achtsamkeit doch so wichtig. Umso mehr in meinem verfeindeten Heimatland.

Gerade hier habe ich mühsam gelernt: Konfliktmanagement beginnt im Kleinen. Versöhnung im privaten Umfeld ist wie eine Kettenreaktion. Hätte man in den 1990er-Jahren einen intensiven Austausch zwischen den Menschen in der Ost- und Westukraine, der Stadt- und Landbevölkerung eingeleitet, wäre es wed

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