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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2015
Mission Weltrettung
Was die Religionen zum Klimaschutz beitragen können
Der Inhalt:

Kraft aus der Katakombe

von Thomas Seiterich vom 04.12.2015
Worin bestehen Erbe und Auftrag der Befreiungstheologie? Ein Jubiläum in Rom zeigte deutliche Konflikte

Fünfzig Jahre ist es her, dass am 16. November 1965, kurz vor dem Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, eine Gruppe von vierzig Konzilsvätern in der römischen Domitilla-Katakombe ein Dokument unterschrieben, mit dem sie sich persönlich »für eine arme und dienende Kirche« verpflichteten. Aus dem Engagement dieser Bischöfe – darunter Helder Camara, José Dammert und Aloisio Lorscheider – entstand auf katholischer Seite die »Kirche der Armen« und auch die Befreiungstheologie. Rom hat unter den konservativen Päpsten Benedikt XVI. und Johannes Paul II. die Befreiungstheologie unnachgiebig verfolgt, wegen ihrer »marxistischen« Sicht der gesellschaftlichen Konflikte. Doch Papst Franziskus versöhnt sich mit den jahrzehntelang drangsalierten Theologen.

Liest man heute den »Katakombenpakt«, könnte man meinen, der Text stamme direkt von Papst Franziskus: Keine Ehrentitel, keine edlen Stoffe für die Kleidung, ein Leben an der Seite der kleinen Leute und nicht im bischöflichen Palais, Engagement für Gerechtigkeit in der Gesellschaft aus der Perspektive der Ohnmächtigen sind nur einige der Selbstverpflichtungen, die der Katakombenpakt in 13 Abschnitten festhält. Es gehe darum, »ein dem Evangelium entsprechendes Leben in Armut zu führen«, heißt es dort.

Der letzte noch lebende europäische Erstunterzeichner ist ein vor Lebensfreude sprühender 92-Jähriger: Luigi Betazzi, der langjährige Bischof von Ivrea in Norditalien. Er bringt die Aktualität des Dokuments auf den Punkt: »Der Katakombenpakt ist heute Papst Franziskus.« Um den Katakombenpakt und die aus ihm erwachsene Kirche der Armen zu feiern, fuhren jüngst 250 deutschsprachige Christen nach Rom. Vorbereitet wurde die Tagung in ehrenamtlicher Arbeit vom Münsteraner Institut für Theologie und Politik. Doch das Gedenken des Aufbruchs von 1965 verlief unharmonisch. Ausgespart wurde bedauerlicherweise so ziemlich alles Abgründige, etwa das Abgleiten von einigen Befreiungstheologen in perspektivlosen Guerillakrieg (Kolumbien) oder Staatsterror (Haiti). Oder die Unfähigkeit der Kirche der Armen, Menschen beim gesellschaftlichen Aufstiegsversuch zu begleiten, was zur massenhaften Flucht in evangelikale Sekten führt. Obwohl die Tagung inhaltlich ein geschöntes, harmonisches Softprogramm darbot, krachte es praktisch an jedem Tag: Zu unterschiedlich sind die Optionen und Hoffnungen der alten und der sehr

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