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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2013
Vertrauen, verändern, genießen
Margot Käßmann über die Zukunft der Christen
Der Inhalt:

Pablo Neruda darf nicht sterben

von Frederico Füllgraf vom 06.12.2013
Wurde der chilenische Literatur-Nobelpreisträger vor vierzig Jahren ermordet? Noch immer sucht sein Chauffeur nach der Wahrheit. Und mit ihm suchen Millionen Chilenen Gerechtigkeit für die Opfer der Pinochet-Diktatur

Chile, im Dezember 2013: Ein denkwürdiges Jahr nähert sich seinem Ende. Vierzig Jahre nach dem Militärputsch vom 11. September 1973 hat das Land der Zehntausenden Opfer der blutigen Militärdiktatur Augusto Pinochets gedacht. Endlich hat die Justiz eine Massenanklage gegen die bisher straflosen Drahtzieher des Überfalls auf die demokratische Regierung Salvador Allendes eingeleitet. Dazu kommt die mögliche Wiederwahl der Ärztin Michelle Bachelet zur Staatspräsidentin Chiles. Sie will in ihrer zweiten Amtsperiode (sie regierte bereits von 2006 bis 2009) auch die neoliberalen Relikte der Diktatur Pinochets überwinden: mit unentgeltlichen Universitäten, einem gerechteren Rentensystem und mit Entschädigungen für die Mapuche-Indianer, die unter dem Diktator ihres Mutterlandes beraubt wurden.

Im vierzigsten Jahr der Nach-Allende-Ära gedachte Chile aber auch seines größten Dichters, des Literatur-Nobelpreisträgers Pablo Neruda. Er wurde unter Pinochet verhaftet und gefoltert. Vierzig Jahre lang hat Nerudas Fahrer, Manuel Araya Osorio, behauptet, der Dichter sei am 23. September 1973 in der Klinik Santa Maria in Santiago de Chile mit einer Spritze ermordet worden. 39 Jahre lang interessierten sich die Behörden nicht für die These des Chauffeurs. Doch im April 2013 ließ der Richter Mario Carroza die sterblichen Reste Nerudas exhumieren und durch internationale Forensiker untersuchen. Anfang November meldete das gerichtsmedizinische Institut Chiles, Pablo Neruda sei an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Ein Giftanschlag sei nicht nachweisbar. Die Kläger, darunter Nerudas Angehörige, geben sich mit dem Ergebnis jedoch nicht zufrieden. Und auch Richter Carroza erklärt: »Wo Zweifel herrschen, muss weiter ermittelt werden!« Zu wichtig ist das wahre Schicksal von Pablo Neruda für viele Chilenen.

Als ich zu Nerudas Fahrer ins Auto steige, schweigt er zunächst. Dann lässt Manuel Araya den Motor an, hält das Steuer fest in der Hand und den Blick stur auf die enge, verkehrsreiche Landstraße gerichtet. Dann erzählt er doch: »An einem Nachmittag, vor einundvierzig Jahren, da fuhren wir, Don Pablo als Beifahrer und ich, genau diese Strecke nach San Antonio. Es war die Jungfernfahrt des Sapo – des Froschs: Ein bleifarbener Citroën DS21 mit schmalem Heck und bulliger Motorhaube. Viertürig, Sitze in Leder, sehr komfortabel, eine hässliche, aber feine

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