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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 23/2012
Das Christentum
Was wird, was bleibt?
Der Inhalt:

»Ein Teilzeit-Papst ohne Plan«

von Thomas Seiterich vom 07.12.2012
Ein einsamer Pontifex, unterwegs von Krise zu Krise. Die Zukunftsprobleme türmen sich, weil Benedikt XVI. am liebsten Bücher schreibt. Fragen an den Vatikan-Experten Marco Politi

Herr Politi, Sie kannten Papst Wojtyla so gut wie kaum ein anderer unabhängiger Vatikanbeobachter. Seinen Nachfolger kennen Sie ebenso gut. Worin unterscheiden sich Benedikt XVI. und Johannes Paul II.?

Marco Politi: Der Papst aus Polen widmete all seine Kraft der Führung der Kirche. Er hatte einen Plan und verfolgte konzentriert eine Strategie. Den Sturz des Kommunismus zuallererst, später dann zum Beispiel die Freundschaft mit den Muslimen. Anders Benedikt XVI. Joseph Ratzinger hätte nicht Papst werden dürfen, denn er hat keinen Plan. Sein Mangel an Strategie führt dazu, dass er keine solide, weitgreifende Position gegenüber der Arabischen Revolution entwickelte, dem bedeutendsten Weltereignis seit dem Untergang des Kommunismus. Dem drohenden Krieg zwischen Israel und Iran steht Benedikt völlig passiv gegenüber. Man vergleiche Johannes Paul II. mit ihm. Dieser hat monatelang gegen den Irakkrieg von Bush und Blair agiert. Der Mangel an Führung wird zuerst spürbar in der Außenpolitik. Das weltpolitische Gewicht des Heiligen Stuhles sinkt. Johannes Paul II. hörte stets die Nuntien an, wenn sie in Rom Bericht erstatteten. Er war gut informiert, auch weil er viele Menschen zu Tisch einlud. So erfuhr er von einer polnischen Freundin von sexuellen Seitensprüngen des Posener Erzbischofs – von der Kurie hätte er dies nie erfahren. Benedikt hört die Nuntien nicht an, wenn sie zu Zwischenberichten in Rom weilen. Er spricht auch nicht – wie sein Vorgänger – mit jedem Bischof, der den Vatikan besucht. Benedikt spricht mit Gruppen von Bischöfen. Der 85-Jährige erfährt vieles nicht, er lebt in einem sehr engen, kleinen Kreis.

Wie beurteilen Sie Benedikt XVI.?

Politi: Es ist ein Pontifikat, in dem es so viele Krisen gegeben hat wie nie zuvor in den letzten 200 Jahren. Das ist eineTatsache. Es war wie eine Kettenreaktion. Sie begann mit seiner berühmten »Regensburger Rede«, in der der Papst sehr kritische und aggressive Worte eines byzantinischen Kaisers gegen die Muslime verwendete; Worte, von denen der Papst sich nicht distanzierte. Seine schrittweisen Distanzierungen erfolgten erst später. Es sagt viel aus, dass damals eine kleine Gruppe von Journalisten, drei Amerikaner und ich, schon morgens um zehn Uhr Papstsprecher Federico Lombardi gewarnt hatten, dieser verletzende Satz gegen Mohammed würde Probleme auslös

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