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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2018
Gott, mein Therapeut
Religion stärkt. Aber warum?
Der Inhalt:

Die Macht und die Frauen

von Andrea Teupke vom 23.11.2018
Seit hundert Jahren haben Frauen das Recht zu wählen. Inzwischen dürfen sie sogar regieren. Aber die Spielregeln legen sie noch lange nicht fest

Waren Frauen früher optimistischer? »Fordert das Stimmrecht, denn nur über das Stimmrecht geht der Weg zur Selbstständigkeit und Ebenbürtigkeit, zur Freiheit und zum Glück der Frau«, das schrieb die Schriftstellerin Hedwig Dohm 1876 in ihrem Buch »Der Frauen Natur und Recht«.

Es hat dann noch fast ein halbes Jahrhundert gedauert, bis Frauen endlich wählen durften. Vielleicht ist es sinnvoll, gelegentlich daran zu erinnern, wie zäh dieser Kampf war, und wie mutig diese Frauen jahrzehntelang agitierten, Gesetze übertraten und in Kauf nahmen, verspottet zu werden. Heute sind sie fast vergessen. Wer kennt schon Hedwig Dohm oder Anita Augspurg? Welcher Spielfilm erzählt ihre Geschichte? Immerhin: In Neubauvierteln werden manchmal Straßen nach diesen Frauenrechtlerinnen benannt, auch die eine oder andere Schule trägt ihre Namen.

Heute dürfen wir wählen. Seit hundert Jahren schon. Wir dürfen auch studieren, arbeiten gehen (ohne unsern Ehemann um Erlaubnis zu fragen), wir dürfen uns politisch engagieren, Vereine gründen, öffentlich auftreten, Verträge schließen, heiraten und uns wieder scheiden lassen, mehr noch: Wir können sogar Kanzlerin werden. Alles gut also? Genug Grund zum Feiern? Grundsätzlich sollte natürlich immer gefeiert werden, sobald sich ein Anlass bietet – nicht nur aus Gründen der Psychohygiene, sondern auch aus Respekt vor der Leistung dieser fast vergessenen Heldinnen.

Dennoch bleiben Fragen offen, die die Feierlaune etwas eintrüben. Eine lautet: Warum werden eigentlich Hauptrollen – im Film wie auch in der Wirklichkeit – immer noch überwiegend an Männer vergeben? Ob es um mediale Aufmerksamkeit geht oder um Geld, um Professuren oder um Listenplätze, der Kuchen wird nach wie vor ungleich verteilt. Die Jungs sorgen dafür, dass sie das größere Stück abbekommen; und ohne Quoten wird sich das vermutlich auch so schnell nicht ändern lassen. »Es ist eine Fiktion, dass die Männer die Interessen der Frauen wahren«, befand schon Helene Lange, eine der Pionierinnen der Frauenbewegung.

Eine andere Frage wäre: Warum werden an Frauen, die mitspielen wollen, so unglaublich hohe Maßstäbe angelegt? Den schönsten Satz dazu hat Susan Vahabzadeh geschrieben: »Einer Frau, die sich benimmt wie Horst Seehofer in den vergangenen Monaten, würde man nicht einmal die Leitung eines Tennisclubs anvertrauen.« Das ist die aktuelle Version eines Gedank

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