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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2017
Der große Schwund
Warum so viele Insekten und Vögel sterben
Der Inhalt:

Nachgefragt: Was sagt uns das dritte Geschlecht?

von Michael Schrom vom 24.11.2017
Fragen an den katholischen Moraltheologen Stephan Goertz

Publik-Forum: Das Bundesverfassungsgericht erlaubt künftig, ein drittes Geschlecht ins Geburtsregister einzutragen. Das erscheint manchen als unverständlich, übertrieben oder gar als Ausdruck einer Ideologie. Wie bewerten Sie diese Entscheidung aus christlicher Sicht?

Stephan Goertz: Menschen, die sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig fühlen, sollen von dem Zwang befreit werden, sich entgegen ihrer intersexuellen Geschlechtsidentität entweder als Mann oder Frau oder als geschlechtslos zuordnen zu lassen. Der Zwang zur Eindeutigkeit kann erhebliches Leid für die Betroffenen erzeugen. Das Gericht eröffnet nun die Möglichkeit, geschlechtlich als anders oder divers anerkannt zu werden. Die Anerkennung dieser außergewöhnlichen Gestalt der Geschlechtsidentität geschieht aus Respekt vor der Menschenwürde von Intersexuellen. Denn Geschlechtsidentität gehört zum innersten Kern der Persönlichkeit. Ich sehe nicht, dass diese Entscheidung mit christlichen Wertüberzeugungen kollidiert.

Trotzdem haben viele Christen damit ein Problem. Zur Begründung wird die Schöpfungserzählung zitiert, in der es heißt: Als Mann und Frau schuf er sie. Was bedeutet die Tatsache, dass es mehr Geschlechter gibt, für den Glauben und die Moraltheologie?

Goertz: Man kann darüber diskutieren, ob die Rede von einem dritten Geschlecht wirklich angemessen ist. Fest steht, dass Intersexuelle aus dem Rahmen der üblichen Einteilung der Geschlechter herausfallen. Wir haben aber gelernt, dass im Bereich der Geschlechtlichkeit schon auf biologischer Ebene das Leben variantenreich ist. Gott hat Mann und Frau und alle Varianten von Geschlechtsidentität geschaffen. Vielleicht kann man den biblischen Text so lesen, dass es Gott »von Anfang an« um die Anerkennung von Differenz geht.

Was sagen Sie zu dem Einwand, Intersexualität sei eine Störung, eine Abweichung von der Norm?

Goertz: Medizinisch sind das etablierte Begriffe. In der Alltagssprache hat Abweichung häufig einen moralischen Unterton. Störung klingt nach Krankheit. Daher der Versuch, Intersexualität als geschlechtlich anders oder divers einzuordnen, also eine positive Bezeichnung zu etablieren.

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