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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2017
Der große Schwund
Warum so viele Insekten und Vögel sterben
Der Inhalt:

»Ich besuche Orte, an die sonst niemand geht«

Sie ist Dichterin und politische Aktivistin: Für Arundhati Roy ist Literatur »die einzige Möglichkeit, die Welt richtig zu betrachten«. In ihrem neuen Roman »Das Ministerium des äußersten Glücks« kritisiert die indische Schriftstellerin die Gewalt und das Kastensystem in ihrem Land

Publik-Forum: Frau Roy, Ihr neuer Roman zeichnet Indien als zerrissenes und gewalttätiges Land. Es geht um Menschen am Rande der Gesellschaft, um Übergriffe auf Muslime und die Folgen des Kastensystems, das bis heute wirkt. Erklären Romane mehr als politische Analysen?

Arundhati Roy: In der Literatur liegt eine ganz andere Wahrheit, sie ist für mich die einzige Möglichkeit, die Welt richtig zu betrachten. Es wäre sehr schwierig, über Kaschmir einen reinen Sachtext zu schreiben, denn dazu ist der Konflikt zu komplex. Es geht ja nicht nur darum, wie viele Menschen dort umgebracht und gefoltert wurden, sondern darum, wie sich die Atmosphäre in einer Region unter militärischer Besatzung anfühlt. Das kann nur Literatur beschreiben.

Kann also ein Roman die Wahrheit über die Welt besser erfassen als etwa eine Reportage?

Roy: Auf jeden Fall. Nehmen Sie einen Fernsehbericht etwa über die Massaker von Gujarat von 2002. Nachdem der Bericht ausgestrahlt wurde, ist das Thema passé. Man erfährt nicht, wie es den betroffenen Familien Jahre später geht. Welcher indische Reporter spricht schon darüber, wie sich das Kastensystem in der Armee auswirkt oder wie ein Netzwerk von Informanten funktioniert?

In Ihrem Roman schildern Sie die geradezu obszöne Kluft zwischen Arm und Reich in Indien. Diese Kluft ist weltweit ein Problem, aber debattiert wird meist über Identität und nicht über soziale Gerechtigkeit. Woran liegt das?

Roy: Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich verursacht erst den Rückzug in die eigene Identität – in Indien, aber auch weltweit. Wenn es beis