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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

Pazifist mit Kampfgeist

von Bettina Röder vom 20.11.2015
Aufgefallen: Jürgen Grässlin: Unermüdlich gegen Waffenexporte. Gerade setzte er eine Strafanzeige gegen die Waffenschmiede Heckler & Koch durch

So richtig stur kann er sein. Das bekam auch seine Frau Eva zu spüren: als der junge Freiburger Student Jürgen Grässlin seine Einberufung zum Bund erhielt. »Das ist doch nichts für dich«, hatte sie ihn gewarnt. Er ging trotzdem hin und wurde eines Besseren belehrt. »Wir sollten da auf menschliche Figuren schießen. Zwischen die Augen, das waren Chinesen«, erinnert er sich. Kopfschuss lautete der Befehl. Da war Schluss. Seither ist er Pazifist. »Menschen töten werde ich nicht.« Das stand für ihn fest. Fünf Monate dauerte es, bis er »mit Schmach und Schande« die Kaserne in Ulm verließ.

Heute ist der humorvolle und freiheitsliebende Badener, der 1957 in Lörrach geboren wurde, nicht nur ein beliebter Lehrer in Freiburg. Er ist auch einer der prominentesten Kämpfer gegen Waffenexporte. Nicht zuletzt die der Firma Heckler & Koch. Nun hat er einen der größten Erfolge errungen. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage erhoben: gegen zehn Mitarbeiter der Waffenschmiede, darunter zwei Geschäftsführer. Wegen illegaler Waffenausfuhr in das menschenrechtsverletzende Mexiko. »Das gab es in Deutschland noch nie«, sagt Grässlin.

Es war im Februar 2009, als ihn ein Mitarbeiter der Firma anrief. Als Christ halte er das nicht mehr aus. Polizisten habe er in Mexiko am G36-Gewehr ausbilden müssen. Zehn weitere Mitarbeiter packten aus. Grässlin traf sie in entlegenen Gaststätten. Mit Rechtsanwalt Holger Rothbauer stellte er Material zusammen. Gut fünf Jahre dauerte es bis zur Anklage. »Wo ist das Bundeswirtschaftsministerium und das Ausfuhramt, die davon wussten?«, fragt Grässlin heute.

Ein wenig ist es wie David gegen Go liath: ein Pazifist gegen den Rüstungskonzern. Doch das will er so nicht stehen lassen. Viel mehr engagierte Menschen, als die Medien wahrhaben wollen, gebe es. Auch in der Friedensbewegung. Mit ihr ist er verbunden seit den 1980er-Jahren, als er als junger Lehrer nach Sulz am Neckar versetzt wurde. Er gab den Plan auf, mit seiner Frau eine Schule in Kenia zu gründen. Denn nebenan war Heckler & Koch. Das hat ihn nicht losgelassen. »Das ist das tödlichste Unternehmen hierzulande«, sagt er. »Seit den 1960er-Jahren gibt es täglich 114 Tote durch sie.«

Bei seinem Kampf sei er nie allein gewesen. Da ist die Recherche Daniel Harrichs und Thomas Reutters über Waffenexporte nach Mexiko, verfilmt in »Meister des Tod

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