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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

»Ich war einfach da«

von Rudolf Stumberger vom 20.11.2015
Spiritprotokoll: Eine Woche in einer Einsiedelei: Günther F. hackt Holz, hört dem Bergbach beim Fließen zu und spricht täglich mit einem Mönch

Meine Klause steht draußen im Wald, ein Blockhaus unter Bäumen. Weiter draußen hängt ein Schild, das die Spaziergänger bittet, Abstand zu halten und die Atmosphäre des Ortes nicht zu stören: »Diese Einsiedelei ist ein Ort der Stille und der inneren Einkehr. Sie steht Menschen zur Verfügung, die ihre Beziehung zu sich, dem Leben und zu Gott vertiefen möchten.«

Zu Gott – was heißt das? Wo, wie kann ich ihn wahrnehmen? In der Natur? In anderen Menschen? In mir? Vielleicht bin ich ja hier, um das herauszufinden.

Die Einsiedelei gehört zum Wallfahrtskloster Maria Eck im Chiemgau. Die Franziskaner-Minoriten haben sie vor zwei Jahren hier in der Nähe ihres Klosters in den Wald gebaut – weil es immer mehr Menschen gibt, die für ein oder zwei Wochen aus dem Hamsterrad entkommen und zu sich selbst finden wollen.

Das Angebot hat mich gereizt: Einsiedler zu sein, so wie mein Namenspatron, der Heilige Gunther, wenn auch nur für kurze Zeit. Eine Woche zu mir kommen, weg von zu Hause. Weit weg von allen Medien, von Fernsehen, Radio, Zeitungen. Auch wenn ich als Rentner eh viel für mich sein kann, ist es was anderes, in dieser stillen Umgebung, in der Natur zu sein.

Zwei kleine Räume hat die Einsiedelei. Der eine ist Schlaf- und Wohnraum – ein Bett, ein Herd, ein Tisch und ein Stuhl. Der zweite, kleinere Raum dient dem Gebet und der Meditation. Bank und Tisch gibt es auch vor der Tür, von hier geht mein Blick auf die kleine Lichtung im Wald. Links davon plätschert das Wasser in einen Holztrog. Die Hütte ist freundlich, ich fühle mich geborgen. Vor allem fasziniert mich diese Einfachheit, wie wenig man eigentlich im Leben braucht.

Ich nehme die Natur in mich auf, höre die Vögel singen, bin von den hohen Buchen am Rande der Lichtung fasziniert. Wie lang ich brauche, etwas ganz zu erfassen! Zum Beispiel die Landschaft vor mir, hier von der Terrasse der Einsiedelei – die Buschreihe, die einzelne Fichte darin, den Ahornstamm rechts, die hohen Buchen am Rande der Lichtung. Immer wieder entdecke ich Neues.

Aber ich kann nicht alles in Worte fassen. Die »Verlautbarungen« des Bergbaches – glucksen, rauschen, strömen? Wie unzulänglich. Mich einfach dem Hören hingeben, nicht benennen wollen – wie schwierig! Die Vögel singen – hingebungsvoll. Kann man so sagen?

In

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