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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2015
Der Inhalt:

Gleich und gleich

vom 20.11.2015
Kolumne von Anne Lemhöfer:

Meine vierjährige Tochter machte mich neulich auf etwas ganz und gar Unglaubliches aufmerksam: »Mama, guck mal, da steht ein rotes Auto auf dem Parkplatz und gleich daneben ein grünes.«

Stimmt, Autos sind heute ja alle silbergrau. Oder metallic-anthrazit. Staatskarossen dürfen auch mal schwarz sein. An die sieben Meter lange rosa Limousine, die wir vor einiger Zeit auf dem Weg zum Kindergarten bewundern durften, aus der Musik von Lady Gaga dröhnte (oder saß sie am Ende selbst drin?), wird sich das Kind jedenfalls bis an sein Lebensende erinnern. »Mama, können wir so ein Auto kaufen? Ein rosanes Auto, in dem man eine Party feiern kann? Bittebitte!«

Heute sieht ein Auto aus wie das andere. Ich selbst habe ja keines, frage mich aber ständig, wie die Leute eigentlich ihren Wagen wiederfinden, wenn sie ihn irgendwo abgestellt haben. Ich könnte das nicht.

Als Kindergartenkind war ich schon mal weiter. Damals war ich sogar in der Lage, Automarken auseinanderzuhalten. Autos wurden früher nicht nur in verschiedenen Farben verkauft, zu denen selbstverständlich auch giftgrün, braun und orange zählten (heute gilt beige schon als exzentrisch), sondern sie hatten auch unterschiedliche Formen. Und Tiernamen! Der eckige Volvo, der Renault mit dem lustigen Scheinwerfer-Gesicht, die gelbe Ente, die beim Süßigkeitenkiosk parkte, und der knallrote Käfer vom Nachbarn mit der Gitarre – Autos sahen früher so aus, als hätten Kinder sie entworfen.

Heute sind die Autos erwachsen geworden, so wie ich. Ich trage ja auch keine Ringelpullis mehr oder himmelblaue Gummistiefel mit lila Punkten.

Wir leben in einer Zeit, die so tut, als schätze sie den Individualismus als hohes Gut. Lebe deinen Traum! Finde deinen persönlichen Stil! Du bist etwas ganz, ganz, ganz Besonderes! Jeder und jede kann machen, was er oder sie will. Das ist schön. Aus irgendeinem Grund hat das allerdings zur Folge, dass die Welt kein bisschen bunter wird.

Im Gegenteil. Was für Autos gilt, gilt auch für Männer, die zumindest in der Großstadt kaum noch auseinanderzuhalten sind.

Alle tragen das gleiche dickrandige Brillenmodell und diese gut sitzenden Jogi-Löw-Hemden, und zwar unabhängig davon, ob sie in der CDU sind oder in der Antifa. Dazu baumeln ihnen rechtec

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