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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2013
Konzerne im Klassenzimmer
Wie die Wirtschaft Einfluss auf die Schule nimmt
Der Inhalt:

Gebunden und dennoch frei

von Alexandra Grüttner-Wilke vom 22.11.2013
Nichts hat unseren Alltag so verändert wie die Gegenwart unserer Kinder, nichts ist anstrengender, nichts beschenkt uns reicher. Gedanken über einen Zustand, der alles enthält, was Leben meint

In vierunddreißig Stunden hat mich der Wehenschmerz herausgelöst aus Raum und Zeit. Aufgelöst in Schmerz und Marter, kann ich nur geschehen lassen und das Geschehende annehmen oder ablehnen, geschehen aber wird es. Nichts ist von meinem Willen bestimmt, ich habe nichts in der Hand. Als mich meine letzten Kräfte verlassen, beginnen die Presswehen.

Unser Sohn ist geboren.

Vater und Mutter sind geboren.

Etwas von Ewigkeit liegt zwischen mir und dem beseelten Körper, der mein Kind ist. Ganz und gar eingenommen, glücklich und zutiefst fasziniert betrachte ich sein Gesicht, die feine Nase, die wachen, verschleierten Augen. Ein nie gekanntes Staunen wächst in mir heran. Von einem Moment auf den anderen weiß ich, dass alles neu sein wird und anders. Mein Leben steht nun im Dienst eines anderen, der bestimmt, was ich tue. Alle drei Stunden stillen, Windeln wechseln, schlafen legen. Dazwischen anhaltendes Schreien, Herumtragen auch in der Nacht, über Monate dem kleinen Wesen wieder und wieder Halt bieten, mit ihm empfinden, wie schwer es ist, anzukommen in der Welt. Sein Rhythmus strukturiert unseren Tag. Ich entscheide nicht mehr, wann eine Sache beginnt und wann sie endet. Bin ich gerade eingeschlafen, schreit mich mein Sohn wach, hat Bauchweh, ist für Stunden unberuhigbar. Unser Glück mit diesem Kind, ein Glück, das sich tiefer kaum denken lässt, wird rasch von der Frage aufgestört: Kinder haben und frei sein, frei bleiben, ist das überhaupt möglich?

Jana Hensel, Autorin, Journalistin und selbst Mutter, fühlte sich nach eigener Aussage jung und schön, cool, lässig, spontan und unabhängig – ehe sie Kinder bekam. Ihr täglicher Kampf bestehe darin, Freiheit und Elternschaft miteinander zu verbinden. Und jeden Tag aufs Neue stelle sie fest: Dieser Kampf sei nur zu verlieren.

Zwei Jahre nach der Geburt unseres Sohnes bekommen mein Mann und ich erneut ein Kind. Kurz nach der Entbindung entwickelt unser Älterer eine starke Bronchitis. Wir stecken uns an, schließlich auch das Baby. Zwischen Schüttelforst und Kopfschmerzattacken wiegen wir nächtelang den schnupfenden, schreienden Säugling, beruhigen den immer wieder vom Husten erwachenden Älteren, hängen tief in den Seilen und – funktionieren.

»Das könnte ich nicht«, sagte mir vor Kurzem ein Freund, der uns eine Woche lang besuchte, »gar nicht mehr

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