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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 22/2013
Konzerne im Klassenzimmer
Wie die Wirtschaft Einfluss auf die Schule nimmt
Der Inhalt:

Warten auf Europa

von Silviu Mihai vom 22.11.2013
Der Flüchtlingsstrom aus Syrien stellt Bulgarien vor massive Probleme.
Mehr als 120 Menschen versuchen jeden Tag, die Grenze illegal zu überwinden

Habib Suleyman streichelt die Haare seiner Kinder und versucht, für einen Augenblick die Sorgen zu vergessen. »Ruhe, jetzt müsst ihr zur Untersuchung!«, sagt der 46-jährige Mann mit der neuen dunkelblauen Daunenjacke, die eine Nummer zu groß ist. Eine bulgarische Ärztin fordert seinen Sohn Mahmud auf, den Mund weit zu öffnen. Die Dolmetscher sind gerade nicht da, man versucht sich mit Händen und Füßen zu verständigen. In der alten Schularztpraxis herrscht noch der Geruch der starken Desinfektionsmittel, die vor der Wende üblich waren. Mahmud macht den Mund auf. Der Sehtest mit kyrillischen Buchstaben kommt für die Kinder nicht infrage, die Augen müssen anders untersucht werden.

Vor mehr als drei Monaten hat Suleyman seine Heimatstadt Qamischli im syrischen Nordosten verlassen müssen. Zu chaotisch sei die Situation gewesen, nachdem sich die syrische Armee zurückzog und dieses überwiegend kurdische Gebiet in einem rechtlosen Zustand hinterließ, sagt der ausgebildete Automechaniker. Die türkische Grenze, die sich praktisch am Stadtrand befindet, galt für Suleyman und seine Familie schon immer als letzter Ausweg für den Fall, dass alles zusammenbricht. »Im Sommer war es so weit. Wir haben verkauft, was wir verkaufen konnten, und sind über den Stacheldrahtzaun in die Türkei geflohen.«

Einige Wochen und Busfahrten später gelang Suleyman die Flucht über Istanbul nach Edirne, jener türkischen Stadt, in der »alle auf Europa warten«, wie der Mann erzählt. Wie er die nächste Grenze mit den Kindern überwunden hat, will er nicht genau erklären. »Es hat natürlich was gekostet«, gibt er trotzdem zu. An einem regnerischen Abend Anfang Oktober befanden sie sich jedenfalls endlich auf europäischem Boden – auf bulgarischem, genauer gesagt. Dies wurde ihnen auch offiziell bestätigt, als die bulgarische Polizei sie prompt an der »grünen Grenze« festnahm. Suleymans Frau wartet derzeit noch in Edirne auf die nächste Gelegenheit, an einem dunklen Abend die Grenze nach Europa zu überqueren. Der Mann und die Kinder warten mittlerweile auf die Entscheidung über ihren Asylantrag.

Der neunjährige Mahmud und seine fünfjährige Schwester Maria finden das Flüchtlingslager Woenna Rampa irgendwie schon nett. Jede Woche werden Pepsi, Kekse und Bananen verteilt. Nur ihr jüngerer Bruder Hassan, der erst drei ist, heult noch ab und zu ohne erkenn

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