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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2019
Die Waffen nieder!
Pazifismus in kriegerischen Zeiten. Wie sich Sicherheitspolitik neu denken lässt
Der Inhalt:

Die Angst vor dem 18. Geburtstag

von Claudia Mende vom 08.11.2019
Wenn Heim- und Pflegekinder volljährig werden, stehen sie oft allein da, keine Familie, die Rat weiß, mit Geld aushilft oder im Notfall immer ein warmes Bett bereithält

Der Übergang vom Jugendalter ins Erwachsenenalter ist nicht einfach. Doch für junge Menschen aus Heimen oder Pflegefamilien ist diese Lebensphase besonders schwer, denn sie fallen im Alter von 18 Jahren aus dem staatlichen System der Jugendhilfe heraus. Für die »Care Leaver«, wie die Jugendlichen im Fachjargon heißen, bedeutet das einen harten Schnitt.

Sie sind in einem Alter zur Selbstständigkeit gezwungen, in dem Gleichaltrige noch ganz selbstverständlich den Rückhalt ihrer Familie genießen. Sie müssen nun allein die Weichen für ihr Leben stellen. Welchen Berufsweg schlage ich ein? Eine Ausbildung oder doch ein Studium? Praktische Fragen stehen an: Was muss ich bei einem Mietvertrag berücksichtigen? Wie melde ich mich bei den Stadtwerken an? Wann muss ich zum Arzt gehen?

Kommen widrige Umstände dazu, ist das schnell mehr, als es ein junger Mensch leisten kann. So war es auch bei Helmut Neuer, heute 27 Jahre alt. Der junge Mann, der in Wahrheit anders heißt, hatte nach seinem qualifizierten Hauptschulabschluss eine Ausbildung zum Bäckereifachverkäufer begonnen, war aber an einen unmöglichen Ausbilder geraten. Mit Unterstützung seiner Pflegeeltern brach er ab, auch das Arbeitsamt zeigte Verständnis. Doch dann starb Helmuts Pflegevater, was den jungen Mann in eine Krise stürzte. Sein Praktikum bei einer Zimmerei brach er ab. Da war Schluss mit dem Langmut der Behörde. Sie stellte ihre Zahlungen ein. Bevor er obdachlos wurde, nahm ihn seine Pflegemutter Ellen Leibold wieder auf, obwohl sie durch den Tod ihres Mannes selbst finanziell und emotional in einer schwierigen Situation war.

»Wo wäre Helmut denn jetzt ohne seine Pflegefamilie?«, empört sich Leibold. Aus Rücksicht auf ihre Pflegekinder möchte sie ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen. »Er hätte auf der Straße landen können.« Sie ist überzeugt, dass die volljährigen Pflege- und Heimkinder jemanden brauchen, der ihnen in schwierigen Zeiten beisteht.

Die fünfzigjährige Erzieherin hat im Zeitraum von mehr als 25 Jahren neben ihren fünf eigenen Kindern dreißig Pflegekinder betreut. Sie hat Säuglingen Fläschchen gegeben, den Größeren hat sie Pausenbrote geschmiert und mit ihren Lehrern gesprochen. Manche Kinder hat sie für kurze Zeit aufgenommen, andere sind geblieben, bis sie erwachsen waren. »Aus Berufung« habe sie das gemeinsam mit ihrem 2010 verstorbenen Mann gemacht, aus ein

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