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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2019
Die Waffen nieder!
Pazifismus in kriegerischen Zeiten. Wie sich Sicherheitspolitik neu denken lässt
Der Inhalt:

»Bei Völkermord nicht untätig zuschauen«

von Michael Schrom vom 08.11.2019
Der evangelische Militärbischof Sigurd Rink über Notwendigkeit und Tragik von Militäreinsätzen

Publik-Forum: Herr Bischof, Sie haben einst radikalpazifistische Positionen vertreten. Warum haben Sie Ihre Meinung geändert?

Sigurd Rink: Auslöser war der Völkermord in Ruanda 1994. Ich war damals Pfarrer in Königstein und erinnere mich an nächtelange Debatten mit Personen, die in der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit arbeiteten. Sie haben mir immer wieder vor Augen geführt, dass es Situationen geben kann, in denen man das Militär braucht. Da wurde mir klar, dass ich meine Position nicht länger vertreten konnte.

In der evangelischen Kirche ist Militärseelsorge umstritten. Insbesondere Christen aus dem Osten fordern, dass die Kirche mehr Abstand zum Staat hält und sich nicht in die Logik des Militärs einbinden lässt.

Rink: Die Frage nach Nähe und Distanz zum Staat muss in der Kirche stets neu ausgehandelt werden. Da gibt es berechtigterweise verschiedene Ansichten. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass die Militärseelsorge allein unter kirchlicher Verantwortung steht. Das ist international eine seltene Ausnahme. In den allermeisten Ländern ist der Militärseelsorger Teil der Streitkräfte, nicht aber in Deutschland. Er hat keinen Rang, keine Uniform und ist im Unterschied zum Truppenpsychologen den Dienstvorgesetzten nicht berichtspflichtig. Ein Seelsorgegespräch ist streng geschützt. In der Enge des Kasernenalltags ist das ein wichtiges Gut. Dazu kommen Ethikunterricht und Gottesdienste. Insofern kann man nicht sagen, dass Kirche Teil der militärischen Logik ist.

Im Unterschied zu Ihnen kann ein Soldat nicht aus der Befehlskette ausbrechen.

Rink: Das ist eine permanente Spannung, die die Soldaten auszuhalten haben. Einerseits verlangt die militärische Logik eine strikte Ordnung von Befehl und Gehorsam, andererseits will man keinen gewissenlosen Kadavergehorsam. Das Konzept der Inneren Führung und die Militärseelsorge dienen diesem Anspruch.

Was predigen Sie, wenn Sie im Einsatz das fünfte Gebot oder die Bergpredigt auslegen?

Rink: Diese Frage hat schon Martin Luther umgetrieben. In seiner Schrift »Ob Kriegsleute auch in seligem Stande sein können« sagt er sinngemäß: Gewalt, selbst Gegengewalt ist nicht im Sinne des christlichen

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