Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2018
Der Mord und der Westen
Der Fall Saudi-Arabien: Handel, Macht und Menschenrechte
Der Inhalt:

Ausgestiegen aus dem schwarzen Dreieck

von Bettina Röder vom 09.11.2018
Ostritz ist zur ökologischen Modellstadt in der Lausitz geworden. Sie zeigt, was aus einem der größten Braunkohlereviere Deutschlands werden könnte

Hallo!« Der 28-jährige Richard Brendler steckt seinen Kopf mit den schick gegelten blonden Haaren aus dem Spalt der geöffneten Glastür. Draußen tobt ein Sturm, freundlich lässt er die Besucher rein. Nicht ohne Stolz über dieses moderne Gebäude, in dem er arbeitet: Handelt es sich doch um ein Biomasse-Heizkraftwerk, das fast ganz Ostritz, den 2300-Seelenort in der sächsischen Lausitz, mit Wärme versorgt. Zu 98 Prozent wird es mit Biomasse betrieben, achtzig Prozent aller Haushalte sind angeschlossen. »24 000 Kubikmeter Holzhackschnitzel werden hier im Jahr gebraucht.« Der junge Elektroniker und Netzmeister, Abteilungsleiter der Stadtwerke, ist nun doch nach draußen gelaufen. Dorthin, wo Berge von Holzschnitzeln vor dem Werk liegen, die er langsam durch seine Hände rinnen lässt. »Wenn wir über Energiewende sprechen, dann ist Ostritz hier Vorreiter«, sagt der junge Familienvater nachdenklich, aber nicht ohne Stolz. »Aus Holz wird hier Wärme gemacht.« Und das heißt: Die Ostritzer sind ausgestiegen aus der Braunkohle. Inmitten des Lausitzer Reviers, einem der drei größten Deutschlands, in dem noch heute der Kampf um den Erhalt oder eben das Ende der Braunkohle tobt.

Der kleine Ort in der Oberlausitz, gelegen zwischen Görlitz und Zittau in Nachbarschaft zu Polen und Tschechien, hat die Kurve gekriegt. Sie hatten die Nase voll vom sauren Regen, von der Ascheschicht auf Haaren und Kleidung nach jedem Spaziergang, die so schwer wieder runterzukriegen war. Sie hatten die Nase voll von der stinkenden Neiße. Hier, wo einst dicke Wolken aus Staub, Schwefel und Ruß durch den Ort waberten, aus den Schloten der Braunkohlewerke Hagenwerder und Hirschfelde, gibt es nun wieder saubere Luft und einen sauberen Fluss. Und nicht nur das. Ostritz nennt sich stolz ökologische Modellstadt. Eine Stadt, die rundum auf erneuerbare Energien setzt.

»Das war ein langer, steiniger Weg, der auch für die Menschen hier nicht einfach war«, sagt Georg Salditt. Der kräftige, große Mann in dem roten T-Shirt sitzt in seinem Büro im Kloster St. Marienthal gleich neben Ostritz. Es ist das älteste Zisterzienserinnenkloster Deutschlands, das seit seiner Gründung besteht, stolze 750 Jahre alt. Es ist Teil der ökologischen Modellstadt. Die Nonnen hier betreiben das Wasserkraftwerk, das Ostritz mit Strom versorgt: ein Holzbau am Rande der gepflegten barocken Anlage. Gelegen dort, wo die Neiße Deutschland und Polen trennt. Georg Salditt

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen