Zur mobilen Webseite zurückkehren
Schriftgröße ändern:

Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2017
Reformationsjubiläum: Was bleibt?
Ein Streitgespräch zwischen Thies Gundlach, Margot Käßmann und Dorothea Wendebourg
Der Inhalt:

Sozialprotokoll: »Ich war unsichtbar«

Hanni Lévy (93) überlebte die Nazizeit in Berlin, weil sie bei fremden Menschen untertauchen konnte

Im Januar 1933, als Hitler an die Macht kam, war ich knapp neun Jahre alt. Mein Leben sollte sich von da an völlig ändern. Ich hatte eine sehr behütete Kindheit, meine Eltern versuchten alle Sorgen von mir fernzuhalten. Mein Vater sagte mir nur: »Liebes Kind, du bist Jüdin, da kannst du stolz darauf sein, aber du darfst dich nie schlagen lassen. Du musst dich wehren! Aber vergiss auch nie, dass du Deutsche bist.« Als Kind war ich völlig ahnungslos, wie weit dieser Hass gegen Juden gehen würde. Schon bald wurden meine Eltern beide todkrank. Als sie sich endlich um die Ausreise bemühten, war es zu spät. Mein Vater starb 1940 an Entkräftung durch Zwangsarbeit, meine Mutter im April 1942.

Ich war Vollwaise und musste von 1940 an Zwangsarbeit in einer Fabrik leisten. Nur meine Großmutter mütterlicherseits lebte noch in Berlin. Ende September 1942 erfuhren wir, dass sie nach Theresienstadt gebracht werden sollte. Der Tag, an dem sie abgeholt wurde, war viel schlimmer als die Beerdigung meiner Eltern. Meine Eltern sind allem entgangen, sie haben nichts mehr erleiden müssen. Aber mit meiner Großmutter, das war furchtbar. Ich habe sie so sehr geliebt!

Ich war an diesem Tag nicht zur Arbeit gegangen, wir hatten ein kleines Köfferchen gepackt und haben gesessen und gewartet. Das war entsetzlich. Später am Nachmittag wurde sie mit einem Lieferwagen abgeholt. Da ich wusste, dass er zum Sammellager in der Großen Hamburger Straße in Berlin fuhr, bin ich ihr nachgefahren und habe dort noch zwei Tage mit ihr verbracht. Am dritten Tag war sie nicht mehr da.

Ich wohnte damals bei Freunden in der Augsburger Straße. Nachdem auch sie abgeholt wurden, blieb ich dort allein. Und fasste den Entschluss: