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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2016
Gefährlicher Egoismus
Warum sich die Deutschen mit Gerechtigkeit so schwertun
Der Inhalt:

Der Traum von der Gleichheit

von Agnes Tandler vom 04.11.2016
Drohungen und Schikanen zum Trotz: Der indische Anwalt Henri Tiphagne kämpft unbeirrbar für die Rechte der Kastenlosen

Er arbeitet dort, wo er sich am meisten gebraucht sieht, auch wenn er aneckt. Henri Tiphagne, Gründer und Leiter der indischen Bürgerrechtsorganisation People’s Watch, hat Drohungen, Beleidigungen, Schikanen und sogar körperliche Angriffe erlebt. 2012 und 2013 stoppte die Regierung für 22 Monate alle ausländischen Spenden an seine Organisation und fror ihre Konten ein. Der Vorwand dafür: Tiphagne hatte den höchst umstrittenen Bauplatz des Atomkraftwerkes Koodankulam im südlichsten Teil von Indien unmittelbar am Meer besucht.

Eigentlich wollte der heute Sechzigjährige Arzt werden und in die Fußstapfen seiner Adoptivmutter Yvette Tifine treten, einer französischen Missionarin und Lepra-Ärztin. Seine leibliche Mutter starb bei seiner Geburt. Tiphagne wuchs mit fünf weiteren Adoptivgeschwistern auf und wurde katholisch getauft. »Meine Kindheit habe ich damit verbracht, meiner Mutter hinterherzujagen, die mit einer großen mobilen Klinik unterwegs war, um Lepra-Kranke zu behandeln«, sagt Tiphagne, der verheiratet ist und zwei Töchter hat.

Während seiner College-Zeit im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu schloss er sich einer katholischen Studentenorganisation an. Nach einer Flutkatastrophe im Dindigul-Distrikt 1977 fuhr er mit 300 Studenten ins Hochwassergebiet. Dies öffnete Tiphagne die Augen für die sozialen Missstände auf dem Land. In den Dörfern sagte man ihm, er solle sich um die Gebiete der Kastenlosen, der Dalits, nicht kümmern. »Das war mein erster Fall«, erinnert sich Tiphagne.

Die Schwierigkeit, Anwälte zu finden, die bereit waren, arme, kastenlose Inder vor Gericht zu vertreten, führte 1980 zu seinem Entschluss, Jura im südindischen Madurai zu studieren, wo er heute noch lebt. Später begann er, dort zu praktizieren. Am Anfang seien Anwälte, die gegen Polizeiwillkür und -folter kämpften, wie Terroristen behandelt worden, erzählt er. Er selbst sei deshalb einmal auf der Straße verprügelt worden.

1996 gründete Tiphagne die Menschenrechtsorganisation People’s Watch. Es war eine Reaktion auf Kastenunruhen in Tamil Nadu, in einer Zeit, als die Regierung bei der Vergabe von Studienplätzen und Jobs im öffentlichen Dienst Quoten für Benachteiligte eingeführt hatte. Die neue Organisation startete Kampagnen, um die Zwischenfälle zu untersuchen und Opfer zu schützen.

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