In den Kathedralen der Verzauberung
Von dem amerikanischen Kult-Regisseur Quentin Tarantino stammt der Satz: »Wenn das Kino deine Religion ist, dann solltest du Gott nahe sein – und dabei hilft es, sich möglichst viele Filme anzuschauen.« Ob Tarantino ein Gott sucher ist, muss hier offenbleiben. Tatsache ist, dass sein Rat, oft ins Kino zu gehen, von vielen Theologinnen und Theologen – bewusst oder unbewusst – befolgt wird. Nicht nur, dass die beiden ältesten und renommiertesten Fachzeitschriften in Deutschland, filmdienst und epd-Film, auf kirchliche Initiativen zurückgehen – das Angebot an Filmgesprächen oder Filmexerzitien ist mittlerweile unüberschaubar groß. Theologische Arbeiten über Regisseure und deren Werke füllen Regale. Es scheint, als seien die Kirchen heute natürliche Verbündete des Autorenkinos. Vorbei sind die Zeiten, in denen für die kirchliche Bewertung eines Filmes entscheidend war, ob er die Moralvorstellungen bestätigte. Der 2012 verstorbene Regisseur Theo Angelopoulos, der sich selbst als Agnostiker bezeichnete, erhielt 2001 den Kunst- und Kulturpreis der Katholiken. Der aus der katholischen Kirche ausgetretene (und später in die evangelische Kirche eingetretene) Wim Wenders ist ebenso ein Ehrendoktor der Theologie wie der österreichische Filmemacher Michael Haneke. Dass dieser in seinem Werk »Das weiße Band« die erstickende Strenge eines evangelischen Pfarrhauses in einem Dorf vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Thema machte, spielte bei der Entscheidung ebenso wenig eine Rolle wie die Szene mit der aktiven Sterbehilfe in seinem Film »Liebe«.
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