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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Pressbitter und Pfarrverweser

vom 07.11.2014

Seit ein paar Wochen bin ich wieder da, daheim in meiner Gemeinde. Heimkehren ist schön, in Deutschland ist es herrlich, Pfarrersein ist wunderbar! Nur die Vorstandssitzungen sind bisweilen ein wenig herausfordernd.

Getreu dem klugen Motto »Eine Sitzung, die länger dauert als bis 22 Uhr, ist eine Sünde wieder den Heiligen Geist«, sind wir gestern wieder einmal schuldig geworden. Und zwar so richtig.

Jetzt frage ich mich, woran das liegt, dass unsere »Tagesordnungspunkte« immer zu »Nachtordnungspunkten« ausufern. Von wegen: TOPs. Allzu oft sind es einfach FLOPs: »Furchtbar langatmige Ordnungspunkte«. Unserer Aufgabe als Leitungsgremium werden wir damit jedenfalls weniger gerecht.

»Leiten« und »leiden« war übrigens ursprünglich das gleiche Wort. Wen wundert’s? Mich nicht. Beide Begriffe stammen von dem althochdeutschen »Leithan« ab, das für sich, ganz fröhlich und sympathisch, »gehen, fahren, reisen« bedeutete.

Und während das schöne Wort »Leiten« die Kunst beschrieb, jemanden »auf den rechten Weg« zu führen, sorgte ein mittelalterlich-christlicher Irrtum dafür, dass parallel das garstige Un-Wort »Leiden« entstand. Ja, weil die damalige Kirche die Vorstellung entwickelte, dass die Lebensreise des Menschen doch nur ein »Jammertal« sei, wurde aus dem irdischen »Gehen« der Inbegriff des Kummervollen. Des Schmerzhaften. Grauenhaft, oder?

Aber um ehrlich zu sein: Die Geister der Menschen scheiden sich doch bis heute an der Frage, ob die Welt eher ein Jammertal oder ein Freudenort ist. Daran, ob es auf Erden eher was zu »leiten« oder nur was zu »leiden« gibt. Tja, das eine sind die Optimisten, das andere die Pessimisten. Während die einen rufen: »Das Glas ist halb voll«, jubeln die anderen: »Nein, es ist ganz voll. Halb mit Flüssigkeit und halb mit Luft.«

Doch die frappierende Nähe der Worte »Leiten« und »Leiden« bleibt. Gerade in kirch lichen Kreisen sind die Leitenden oftmals die Leidenden. Denn wenn wir schon bei etymologischen Sprachspielchen sind: Schon die Namen unserer gemeindlichen Leitungsgremien sind ja derart bescheuert, dass man von ihnen auch kein echtes »Leiten« erwarten kann.

Was trauen Sie Menschen zu, die sich freiwillig »Pfarrgemeinderat« nennen? (Da steckt sogar das Wort »gemein« drin.) Oder »Kirchenvorstand«? Da klingt der Begriff »Stand« an. Als

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