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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Kinderwunsch auf Eis gelegt

von Andrea Teupke vom 07.11.2014
Nicht nur in den USA lassen immer mehr Frauen ihre Eizellen einfrieren, um dadurch mehr Zeit zu gewinnen. Doch der vermeintliche Fortschritt könnte sich als Falle erweisen

Erst Karriere, dann Kinder: Ist das die Botschaft, die hinter dem Angebot amerikanischer Konzerne steckt? Facebook und Google übernehmen die Kosten für »Social Freezing«, also das Einfrieren von Eizellen. Wollen sie damit erreichen, dass Frauen ihren Kinderwunsch möglichst lange aufschieben? Zumindest in Deutschland wird das so gedeutet. Evangelische und katholische Frauenverbände haben dementsprechend mit heftiger Kritik auf die Nachrichten aus dem Silicon Valley reagiert. Ein solches Angebot überschreite »eine moralische Grenze«, heißt es in der Pressemitteilung. Die Frauenverbände warnen vor einer »Instrumentalisierung von Frauen zur Steigerung des unternehmerischen Profits«.

Nun muss man weder Google noch Facebook für Vorreiter in Sachen Frauenrechte und Gleichstellung halten. In beiden Firmen arbeiten fast ausschließlich weiße, junge Männer; der Anteil an Frauen im Unternehmen ist winzig. Doch gerade deshalb haben die Konzerne es gar nicht nötig, ihre wenigen weiblichen Arbeitskräfte vom Kinderkriegen abzuhalten. Im Gegenteil, sie übernehmen sogar die Kosten für eine Adoption, wenn gewünscht, und bezahlen jungen Müttern mehrere Monate lang Erziehungsurlaub, was in den USA absolut unüblich ist. Die Kritik der evangelischen und katholischen Frauenverbände greift daher zu kurz.

Natürlich ist es heikel, wenn Unternehmen dermaßen genau über die intimste Lebensplanung ihrer Mitarbeiter Bescheid wissen. Und es ist tatsächlich vorstellbar, dass Vorgesetzte im Einzelfall dann eben doch Einfluss nehmen. Doch das eigentliche Problem liegt woanders.

Frauen entscheiden sich nicht für Social Freezing, weil ihr Arbeitgeber das will, sondern weil es ihnen in ihrer individuellen Lebenssituation zu helfen scheint. Das hat kürzlich auch eine aktuelle Umfrage der Wochenzeitung Die Zeit bestätigt. Aus Sicht der einzelnen Frauen ist das Versprechen der Medizintechnik äußerst verlockend: Durch den Eingriff gewinnen sie mehr Flexibilität und ein paar zusätzliche Jahre für die knapp bemessene Lebensphase, die sogenannte »Rushhour of Life«, in der so viele entscheidende Weichen gestellt werden. Deshalb wird die Nachfrage auch hierzulande steigen. Dass deutsche Unternehmen das Social Freezing demnächst in ihre Sozialleistungen aufnehmen werden, ist trotzdem ziemlich unwahrscheinlich.

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