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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Die Quelle sprudelt nicht mehr

von Wunibald Müller vom 07.11.2014
Die katholische Kirche muss sich wieder an Jesus orientieren. Ein Zwischenruf

In einer Erzählung, die der Psychiater Carl Gustav Jung sehr liebte, ist die Rede vom Wasser des Lebens, das unablässig und ohne Anstrengung aus einem natürlichen Brunnen sprudelte. Die Menschen kamen von überall her, um von diesem Wasser, von dem sie spürten, dass es sie nährte, zu trinken, bis einige Personen meinten, einen Zaun um den Brunnen bauen, Eintrittsgeld verlangen und Vorschriften machen zu müssen, wer Zutritt zum Brunnen bekäme.

Das Wasser ärgerte sich so sehr darüber, dass es sich einen anderen Ort suchte. Die Leute, die den Zugang zum Brunnen kontrollierten, waren so beschäftigt mit ihren Vorschriften und Machtansprüchen, dass sie das gar nicht mitbekamen und fortfuhren, das Wasser zu verkaufen. Doch die Menschen merkten, dass die Quelle ihre ursprüngliche Kraft verloren hatte. Sie machten sich auf die Suche nach dem Ort, wo sie jetzt sprudelte.

Wenn wir fragen, wie es mit der katholischen Kirche nach der Bischofssynode in Rom weitergeht, muss ich an diese Geschichte denken. Das lebendige Wasser fließt weiter – doch ist die katholische Kirche der Ort, an dem die Menschen dieses lebendige, nährende Wasser finden?

Sie finden es in einer Kirche, in der die sogenannte heilige Wahrheit nicht wichtiger genommen wird als die Liebe und Barmherzigkeit, die Gott selbst ist. Bei der Frage, ob wiederverheiratete Geschiedene zur Kommunion zugelassen werden sollen, geht es vor allem darum, ob die Orthodoxie, die sogenannte wahre Lehre, oder die Orthopraxie, das Jesus-gerechte Verhalten, zum entscheidenden Kriterium dafür gemacht werden.

Will die Kirche ein Ort sein, an dem die Menschen das lebendige Wasser, das Feuer, die heilende Kraft der befreienden Botschaft des Evangeliums finden – für die gilt, dass größer als alles aber die Liebe ist –, dann muss sie sich für die Orthopraxie entscheiden. Das stellt eine radikale Wende dar, ist aber unausweichlich.

Das lebendige Wasser kommt in der Kirche zum Sprudeln, wenn in ihr endlich der Reichtum zur Entfaltung kommen kann, der mit der weiblichen Seite Gottes einhergeht. Dies geschieht, wenn Frauen gleichberechtigt mit den Männern Zugang zu den Weihen und damit den Führungspositionen in der katholischen Kirche erhalten. Und wenn damit gewürdigt wird, dass Gott im Mann und in der Frau sein Ebenbild geschaffen hat.

Etwas vom lebendigen Was

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