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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2014
Heilende Tinte
Wie Schreiben befreit
Der Inhalt:

Und Gott sprach: Wir müssen reden

von Birgit-Sara Fabianek vom 07.11.2014
Martin Hagenmaier ist Gefängnisseelsorger in Kiel. Der Pastor kann nichts entscheiden, hat aber trotzdem etwas zu sagen

Bibelstunde im Kieler Gefängnis. Die acht Männer, die im Mehrzweckraum ein paar Tische zusammenschieben, haben kurze Haare oder rasierte Schädel und alle die gleiche Kleidung aus dem Anstaltsvorrat, olivgrüne T-Shirts und blaue Arbeitshosen. Nur Martin Hagenmaier, der evangelische Gefängnisseelsorger, trägt ein blau-weiß gestreiftes Hemd – und schulterlanges weißes Haar. Er führt in der Tischrunde nicht das Wort, aber ohne ihn gäbe es diese Treffen nicht. In dem alten Gemäuer der Kieler Justizvollzugsanstalt gibt es kaum Gemeinschaftsräume. Selbst gegessen wird in der Einzelzelle, hinter vorgezogenen Vorhängen, die die Welt hinter den Gittern aussperren.

Vielen Teilnehmern, vielen Gefangenen überhaupt fehlt die Hoffnung, ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Martin Hagenmaier dagegen gibt die Hoffnung nicht auf, dass jeder Mensch jeden Tag neu anfangen könne. Fast jeden Sonntag predigt er über den Anfängergeist und über die Sorglosigkeit des Glaubens, seit mehr als zwanzig Jahren. Wer nimmt ihm das ab?

»Die Mitarbeiter im Vollzug glauben, es sei eine persönliche Marotte von mir, im Gefängnis zu arbeiten. Es ist aber keine Marotte. Es ist der Glaube, dass jeder, ob gefangen oder nicht, seinen Sinn ändern kann, wenn andere ihn als Menschen wahrnehmen und behandeln«, sagt er. Die einzigen Möglichkeiten, die der Pastor hat, um zu zeigen, dass er es ernst meint, sind Zuwendung und Gespräche. »Die Gefangenen sind hier auf Grund gesetzt«, sagt er, zurückgeworfen auf ihre Lebensfragen: Warum gibt es mich? Weshalb wendet sich meine Familie von mir ab? Ist es gerecht, dass ich keinen Tabak bekomme und mein Nachbar welchen hat?

Ein Pastor ohne Macht

Auch an diesem Donnerstag geht es um große Fragen. Aber es geht auch um Nähe und Kontakt. Die Teilnehmer kennen sich untereinander kaum, sie genießen es, zusammen Kaffee zu trinken und zu erzählen, von Flensburg, Litauen oder Rumänien, wo sie herkommen, oder von ihren Kindern, »meine Tochter studiert Jura!«, und ihren Frauen, die als Verkäuferin arbeiten oder als Bankmanagerin. Weshalb sie im Gefängnis sind, ist kein Thema, nur einer spricht darüber.

»Ich bin eine Legende«, sagt er und blättert in seiner Akte, die einen Auszug aus dem Bundeszentralregister enthält. 18 Einträge hat er dort, 16 Mal ist er schon abgeschoben worden, 40 Alias-Namen sind von ihm bekannt.

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