Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 21/2012
Gefährlicher Reichtum
Warum wir eine gerechte Verteilung brauchen
Der Inhalt:

Schlitzohriger Pazifist

von Bettina Röder vom 09.11.2012
Der Dresdner Theologe Harald Bretschneider hob Schwerter zu Pflugscharen aus der Taufe. Jetzt ist er dafür geehrt worden

»Du hast ein Sowjet-Denkmal und ein biblisches Symbol. Da kann ja eigentlich nicht viel schiefgehen«, hämmerte es im Kopf von Harald Bretschneider. Der damalige sächsische Landesjugendpfarrer saß am Steuer seines grauen Wartburg. Im Anhänger hatte er an diesem windigen Herbsttag im Jahr 1980 eine Last, die einerseits schwer auf seiner Seele lag, ihn andererseits innerlich jubeln ließ. Es ging immerhin um 120 000 Lesezeichen und Aufnäher auf großen Rollen Stoff. Sie waren dem scharfen Auge des DDR-Zensors entgangen. Denn sie waren in der traditionsreichen Druckerei Dürninger im idyllischen Herrnhut in der Oberlausitz auf einem Material gedruckt worden, das keine Druckgenehmigung brauchte, weil mit ihm Weihnachts- und Osterdecken veredelt wurden.

Doch Bretschneiders Rollen waren nicht mit Weihnachtszweigen bedruckt, sondern mit einem Motiv, das Zündstoff für ein ganzes Jahrzehnt liefern sollte: dem Zeichen »Schwerter zu Pflugscharen«. Der heute siebzigjährige Theologe gab auf diese Weise vor gut dreißig Jahren den Anstoß für die Herstellung Hunderttausender Lesezeichen und Aufnäher mit dem Friedenssymbol. Jüngst erhielt der erklärte Pazifist, ein Urgestein der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR, dafür das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Gauck.

Längst ist das Zeichen Schwerter zu Pflugscharen zum Wahrzeichen der alljährlichen Friedensdekade, aber auch zum Symbol der Friedensbewegung in Ost und West geworden. Und es hat eine Generation junger Menschen in der DDR geprägt, die sich mutig gegen das staatliche Verbot des Aufnähers auflehnten. Auch Bretschneider hat sich damals unermüdlich für die bedrohten jungen Friedensbewegten eingesetzt. Jugendliche und der Einsatz für eine friedliche Welt, beides liegt dem gebürtigen Dresdner am Herzen. Das ist bis heute so.

Sein Engagement für Gewaltlosigkeit wurde nicht zuletzt durch den Krieg geprägt. Im Dresdner Bombeninferno 1945 rettete ihn seine Mutter aus einem brennenden Haus. »Ich sehe es als Verpflichtung an, in dem mir geschenkten Leben darauf hinzuwirken, dass Krieg nicht mehr politikfähig ist«, sagt der Familienvater, der heute mit seiner Frau Gabriele am idyllischen Kaizer Weinberg in Dresden lebt.

Der evangelische Theologe absolvierte bis zu seinem Ruhestand 2007 in der sächsischen Landes

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen