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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2019
Sind wir noch zu retten?
Was in der Klimakrise hoffen lässt
Der Inhalt:

Kolumne Von Fabian Vogt: Gnadenlos heilig

vom 25.10.2019

Die Einladung klang wirklich nett: »Da die Gottesdienste unserer Kirchengemeinde seit Längerem eher schwach besucht sind, möchten wir ganz neu über unsere Gottesdienstkultur nachdenken. Hätten Sie Lust, uns bei diesem wichtigen Prozess zu begleiten? Ihr Hartmut N., Leiter des Liturgie-Ausschusses«.

Ich hatte Lust! Und so saß ich drei Wochen später mit dem zehnköpfigen Ausschuss und den beiden jugendlich wirkenden Pfarrern der Gemeinde zusammen, um mit ihnen innovative und kreative Ideen für ihre – wie Hartmut N. es formulierte – »eingerostete Liturgie« zu entwickeln.

Verblüffend war allerdings der Ton, mit dem einige der Mitglieder ihre Vorschläge in den Raum knallten. Etwa so: »Kein Wunder, dass sich kein Mensch für unsere öden Insiderveranstaltungen interessiert. Wir brauchen einfach mehr lebendige Spiritualität!« Die Menschen auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches reagierten in ähnlicher Kampf-Rhetorik: »Ach ja, und Sie denken ernsthaft, wenn nur noch diese neuen geistlosen Lieder gesäuselt würden, wäre es besser?«

So ging das hin und her. Liturgisches Pingpong. Mit der charmanten unterschwelligen Aggressivität, die es so fast nur unter Christen gibt. Man könnte auch sagen: mit der mystischen Fähigkeit, dem anderen mit sanftem Lächeln gekonnt eine reinzuwürgen. Spätestens nach zehn Minuten dachte ich: »Die Gottesdienstkultur ist möglicherweise nicht die zentrale Herausforderung eurer Gemeinde.« Und weil mir nichts Besseres einfiel, rief ich eine sehr frühe Pause aus und schnappte mir einen der Pfarrer: »Sagen Sie mal, was geht denn hier ab?«

»Och«, erwiderte der, »das Problem ist: Der Vorsitzende des Liturgie-Ausschusses hat Sie eingeladen, ohne das mit der anderen Seite vorher abzusprechen. Aber die hätten da ohnehin nicht zugestimmt.«

Der Pfarrer räusperte sich und sagte: »Na, Sie haben das bestimmt schon gemerkt: Durch dieses Gremium und auch durch den gesamten Kirchenvorstand zieht sich ein tiefer Graben. Da gibt es die Traditionsverbundenen und die Erneuerer. Und beide halten sich für die wahren Heiligen.« Und er ergänzte: »Vor einigen Jahren gab es da gravierende persönliche Verletzungen. Und weil sich die Leute nicht vergeben können, führen wir seither mehr oder minder einen Kleinkrieg.« Dann flüsterte er leise: »Mein Kollege gehört übrigens auch zur anderen Seite …«

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