Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Modell 6 : Fürsorge in der Nachbarschaft

von Gunhild Seyfert vom 26.10.2018

Hörstel. Die Augen verweint, der Blick traurig und der schmale Körper von Kummer gebeugt, stand eines Morgens die 85-jährige Erna Hemscher in ihrer Wohnungstür. »Was ist mit Ihnen?«, fragte die Mitarbeiterin des ambulanten Pflegedienstes, Petra Otte, die ebenso wie die Seniorin eigentlich anders heißt. Vor genau einem Jahr sei ihr Ehemann gestorben, sagte die alte Dame. Sie spüre an diesem Tag besonders stark, wie allein sie sei und wie sie ihren Mann vermisse.

Eigentlich stand Duschen auf dem Pflegeplan an diesem Morgen. Duschen – das passt jetzt doch gar nicht, empfand Otte. Deshalb schlug sie vor: »Lassen Sie uns in Ruhe mal hinsetzen, Frau Hemscher, zusammen einen Kaffee trinken, und über Ihren Mann reden.« Die alte Dame aus der nordrhein-westfälischen Gemeinde Hörstel war erleichtert. Das Gespräch und die Anteilnahme taten ihr gut. Und Pflegekraft Otte ist froh, dass sie im Dienst spontan menschlich und mitfühlend reagieren kann. Sie soll es sogar, denn sie ist seit Kurzem Mitglied im Team Buurtzorg. Dort arbeitet sie selbstbestimmt, hat mehr Zeit und teilt sich diese selbst ein.

Das Wort Buurtzorg (gesprochen Bürt-sorg) kommt aus dem Niederländischen und bedeutet Fürsorge in der Nachbarschaft. Gegründet wurde es von Jos de Blok im Städtchen Almelo, vierzig Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. In den Niederlanden ist es sehr erfolgreich und hat dort die ambulante Pflege grundlegend verändert. Erste Buurtzorg-Teams entstehen zurzeit in Deutschland in Hörstel, Lotte bei Osnabrück, Münster und Emsdetten. Buurtzorg ist eine kleine Revolution für das starre deutsche Pflegesystem, in dem Pflegerinnen und Pfleger in engem Zeittakt zu Dienstleistungen und viel Bürokratie verdonnert werden, in dem sie nur Verordnungen abarbeiten und nichts selbst entscheiden dürfen.

Buurtzorg rechnet nach Zeitstunden ab, nicht nach Leistungskatalogen, nach denen zum Beispiel Waschen, Duschen oder Baden zwanzig Minuten dauern darf und 19,15 Euro kostet. Die Pflegerinnen und Pfleger entscheiden im Einzelfall, was sie tun und was sie lassen. Sie arbeiten in Teams, die ihre Arbeit selbst organisieren, ohne direkte Vorgesetzte, machen eigenständig Abrechnungen, Dokumentation und Neueinstellungen.

»Wir ermuntern auch die Patienten, selbst wieder mehr zu machen«, berichtet Udo Janning, der für den

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen