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Die Zeitschrift, die für eine bessere Welt streitet ...Ausgabe lesen

kritisch • christlich • unabhängigzur aktuellen Ausgabe

 
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2018
Mensch oder Profit
Woran die Pflege krankt. Und wie es besser geht
Der Inhalt:

Streitfragenzur Zukunft: Braucht es einen Bildungskanon?

Nein. Jeder verordnete Kanon ist willkürlich – und kontraproduktiv Bildung lässt sich nicht erzwingen. Wenn man Menschen vorschreibt, womit sie sich beschäftigen müssen, erzeugt das Abwehr

Stellen wir uns vor, morgens erwachten wir fiebrig: Was tun wir nun? Thermometer wegschmeißen? Mit fiebersenkendem Medikament und Aufputschmittel zur Arbeit eilen? Oder nehmen wir die Botschaft des Körpers wahr, bleiben im Bett und genehmigen uns Erholung? So eindeutig das sogenannte Symptom ist, so nicht der Umgang mit ihm. Mag die kämpferische, mechanistische Vorgehensweise hierzulande normal sein, also der Versuch, mit aller Gewalt das Böse, Störende zu besiegen: Bedeutet »normal« deshalb gesund? Lebensfördernd?

Ähnliches lässt sich in Bezug auf Bildung feststellen: Allenthalben zu vernehmen sind Klagen über die »schlechte Schule« und ihre unzumutbaren Missstände, über zu große Klassen, über eine versagende Schülerschaft, über unbrauchbare Arbeitskräfte, über zu hohe Ausgaben dafür, dass diese ineffiziente Schule so viele Menschen ohne Bildung entlässt ... Schulkritik ist so alt wie die Schule selbst, und beide sind ein Dauerbrenner in aufgeregten Diskussionen, die jedoch nur Symptome anprangern. Dabei geht es in Wirklichkeit um ein viel tiefer liegendes Drama: Dass junge Menschen in der Schule diszipliniert und abgerichtet werden; der Zwang – und ihre Auflehnung dagegen – hat teilweise traumatische Folgen. Das Phänomen ignorieren? Sich achselzuckend darüber hinwegsetzen? Mit großem Aufwand das Drama bekämpfen? Auf politischen Aktionismus setzen? Oder durch Ursachenforschung »radikale Lösungen« finden?

Der Bildungsjournalist Thomas Kerstan (Publik-Forum 19/2018) sieht die Lösung in einem verbindlichen »Bildungskanon«. Dieser soll in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft Orientierung geben und Identität schaffen. Zweifellos ist ein soziokulturelles Selbstverständnis