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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2017
Neuer Mut in schweren Zeiten
Jüdische Gemeinden in Deutschland
Der Inhalt:

Was mir die Reformation bedeutet: Wir sind Bettler – das ist wahr

Wir sind Bettler, hoc est verum – das ist wahr. Dieser letzte Satz Luthers, im Sterben verfasst, bedeutet mir viel. Nicht nur, weil ich seit über 35 Jahren sterbende Menschen begleite. Ob in der Sterbebegleitung, in der Seelsorge, beim Unterrichten oder in der Arbeit mit Flüchtlingen. Dieser Satz ist ein Hinweis auf die Ohnmacht, in der wir oft stecken. Wir sind Bettler, das ist wahr. Es ist dieser letzte Satz Luthers, dieses Lebensmotto, der Schlussakkord, der so viel aussagt. Das meiste im Leben bekommen wir geschenkt, ist Gnade, ist Geschenk Gottes.

Als moderne Menschen sind wir gewohnt, unsere Freiheit möglichst zu verteidigen und unsere Autonomie hochzuhalten. Auch das ist ein indirektes Erbe der Reformation. Und doch sind wir so sehr angewiesen auf andere, auf das Miteinander, auf unsere Umwelt, das Wetter, das Klima, auf gesellschaftliche Verhältnisse.

Bei aller Sehnsucht nach Selbstbestimmung können wir sehr wenig selbst bestimmen. Wir reflektieren das meist zu wenig. In der Sterbebegleitung geht es aber immer darum: Was war das eigene Leben? Was habe ich versäumt? Was blieb offen, was bedaure ich, wofür bin ich dankbar? Wir sind Bettler – das ist wahr.

Was ist unser Halt im Leben? Welche Haltung zum Leben nehmen wir ein? Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott. In unserer Leistungsgesellschaft hängen wir unser Herz an alle möglichen Dinge, an unser Einkommen, an Geld, an Arbeit, an Jugend, an Fußball, an Macht. Doch was gilt am Ende? Woran lohnte es sich wirklich, sein Herz zu hängen?

Worin besteht der Halt? All die Momente im Leben, wo uns die Liebe begegnete, all die Momente, wo es glückte, zufrieden zu sein,