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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2017
Neuer Mut in schweren Zeiten
Jüdische Gemeinden in Deutschland
Der Inhalt:

Am Kraftstrom teilhaben

von Helmut Jaschke vom 27.10.2017
Wie lässt sich Allerheiligen feiern? Gedanken zu einem fast vergessenen Fest

Noch feiern wir das Fest Allerheiligen. Im Volksbewusstsein ist der Feiertag, den es in einigen Bundesländern noch gibt, ein Tag der Gräberbesuche geworden, also ein Totengedenken. In der jüngeren Generation wird er zunehmend durch Halloween mit seinen erleuchteten ausgehöhlten Kürbissen und Gruselgestalten ersetzt. Dabei kann »Allerheiligen« auch für Menschen des 21. Jahrhunderts zugänglich sein, wenn deutlich wird, dass sich im Geheimnis dieses Festes Aussagen über den Menschen und seine Beziehung zur Welt verbergen. Es ist zweifelhaft, Heilige in dem Glauben anzurufen, dass sie magisch in unser Leben eingreifen, wenn man sie nur bittet. Vielmehr könnte man Allerheiligen verstehen als Fest der Verbundenheit aller Menschen über alle Zeiten und Räume hinweg.

Trotz Individualität und kultureller Vielfalt sind die Menschen weltweit schicksalhaft miteinander verbunden. Erderwärmung, Energieressourcen, Wasserknappheit, Bevölkerungsexplosion werfen Fragen auf, welche Einzelne alleine nicht mehr lösen können. Nur gemeinsam ist das Überleben der Menschheit möglich.

Dass die Verbundenheit der Menschen untereinander auch die Verstorbenen einbezieht, wird in jüngerer Zeit vor allem durch die Erkenntnis vermittelt, dass traumatische Erfahrungen Folgen haben, die an die nächste und übernächste Generation weitergeben werden. Für die Kriegsgenerationen des letzten Jahrhunderts ist dies mittlerweile gut dokumentiert. Einige Hirnforscher und Neurobiologen vermuten sogar, dass es sich bei diesem Prozess der Weitergabe nicht nur um zwei oder drei Generationen handelt, sondern um wesentlich längere Zeiträume. Man spricht daher von »kultureller Vererbung«. Im wissenschaftlichen Gewand kommen dabei Einsichten zum Tragen, die Traditionen der Ahnenverehrung oder des Totenkults seit jeher vermittelt haben: das intuitive Wissen um das schicksalhafte Miteinander der Lebenden und der Toten. Der christliche Glaube, wonach Lebende und Tote vor Gott eine Einheit bilden, ist eine Variante dieses menschheitlichen Wissens.

Könnte es nicht sein, dass sich im Brauch der Anrufung »aller Heiligen« ein Wissen um eine Kraftquelle verbirgt, aus der wir schöpfen können? Wie das möglich wäre, zeigt ein Blick auf die heutige Psychotherapie: In der Begleitung von leidenden Menschen geht es in erster Linie nicht darum, Defizite aufzudecken, sondern nach Ressourcen zu fragen, die dem Menschen zur Verfügung st

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