Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2017
Neuer Mut in schweren Zeiten
Jüdische Gemeinden in Deutschland
Der Inhalt:

Kolumne von Anne Lemhöfer: Tschüss, Turm

vom 27.10.2017

Was sind wir doch alle abgebrüht: Dass Menschen beim Hören der Morgennachrichten vor Schreck plötzlich senkrecht im Bett sitzen, passiert ja quasi nicht mehr. Vom jüngsten Terroranschlag in Somalia haben wir schon beim Facebook-Gucken kurz vorm Eindösen auf dem Smartphone erfahren. Und trotzdem in den Schlaf gefunden. Dass rechtsextremes Gedankengut in den Bundestag Einzug halten wird, reflektierten wir lange vor der Wahl so gründlich auf allen möglichen Ebenen, dass das Ergebnis uns hart, aber nicht unvorbereitet traf. Die Welt ist aus den Fugen, daran haben wir uns fast gewöhnt.

Doch am frühen Morgen des 12. Oktober saßen wohl tatsächlich die meisten der 700 000 Frankfurterinnen und Frankfurter senkrecht im Bett, als der Radiowecker loslegte. Der Goetheturm brennt! Ein Turm, nicht bewohnt, nicht sagenhaft hoch, aber für einen Holzturm doch beachtlich: 43 Meter maß das wunderbar simple und schöne Bauwerk im Stadtwald, verankert in den Herzen und Kindheitserinnerungen ungezählter Menschen. Ich habe mich erschrocken wie lange nicht mehr und war auf einmal richtig traurig.

So ein schöner Turm. Unser Goetheturm. Wer macht denn so was? Ist es irrational, um einen Turm zu trauern? Wahrscheinlich. Oder braucht es diese alten, vertrauten Dinge, um in der Welt verwurzelt zu sein? Gerade dann, wenn sonst so viele Gewissheiten schwinden? Vielleicht tut ein Ventil not, um endlich einmal echtes Erschrecken zuzulassen. »Da sitz ich hier in Hongkong und bin traurig und aufgewühlt und wütend nach diesem unnötigen Brand. Da ist ein Stück Heimat, Kindheit, ein Teil meiner Identität, ein Anker meiner Erinnerungen abgebrannt«, schreibt eine gebürtige Frankfurterin auf Facebook, kaum dass die Nachricht publik wird.

Auf einmal steigen mir Düfte in die Nase. Warmes Holz, vermischt mit Harz- und Teernoten. Rau war er, der Turm, und einmal habe ich mir als Kind beim Hochsteigen einen Splitter in die Hand gejagt. Einen Splitter in die Hand, die noch vom Erdbeereis klebte, das es beim Kiosk nebenan gab. Als Jugendliche bin ich manchmal mit Freundinnen und Freunden hochgestiegen, wir trugen Kerzen, Wein, eine Decke und einen Kassettenrekorder. Streng verboten war das (die Kerzen) und gefährlich (die Kombination von Wein und 196 Stufen). Wie so viele andere haben wir unsere Namen ins Holz geritzt.

Einen Aufzug gab es selbstverstän

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen