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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2016
Was die Gesellschaft zusammenhält
Ein Gespräch mit dem Philosophen Hans Joas
Der Inhalt:

Meine Familie als lebende Skulptur

von Lea Sommer vom 21.10.2016

Ich war fünf Jahre alt, als bei meinem Vater eine sehr seltene Erbkrankheit diagnostiziert wurde. Sie ließ seine Knochen brüchig werden und verursachte massive Veränderungen in seinem Gehirn. Eine Krankheit, die ihn erst an den Rollstuhl und schließlich ans Bett fesselte, die sein Wesen veränderte, ihn verstummen ließ und ihm alle seine Fähigkeiten raubte.

Für meine Mutter, meine vier Geschwister und mich begannen Jahre des Abschieds. Wir pflegten meinen Vater zu Hause, unterstützt von Freunden, Verwandten und Zivildienstleistenden. Damals suchte meine Mutter auch Rat in einer systemischen Familienberatungsstelle, und einmal pro Monat nahmen wir Kinder und sie gemeinsam an den Sitzungen teil.

In der Therapie sprachen wir über unseren Kummer, unsere Fragen und Ängste, aber wir schwiegen auch häufig. Wir weinten, malten zusammen Bilder, stritten, spielten, und es gab auch viele Momente, in denen wir lachten. Eine Stunde blieb mir ganz besonders im Gedächtnis: In dieser Sitzung stand ich, damals acht Jahre alt, ganz im Mittelpunkt. Der Therapeut lud mich ein, mir vorzustellen, ich sei Bildhauerin und hätte die Aufgabe, eine Skulptur meiner Familie zu formen.

Ich sollte eine beliebige Szene modellieren, wobei mir meine Familienmitglieder als lebendiges Baumaterial dienten. Während ich dieses Standbild ganz nach meinen Vorstellungen entstehen ließ, sollten wir nicht miteinander sprechen.

Sofort drängte sich mir ein Bild auf: Zunächst schob ich einen Stuhl in die Mitte des Raumes. Auf diesen »Rollstuhl« platzierte ich im Geiste meinen kranken Vater. Dann führte ich meine Mutter hinter den Stuhl und legte behutsam ihre Hände auf die Lehne. Daneben stellte ich meine ältere Schwester, ihre Hand berührte den Arm meiner Mutter. Meine beiden großen Brüder bugsierte ich rechts und links vor den Rollstuhl. Einen ließ ich mit dem Finger auf einen unsichtbaren Gegenstand zeigen, dabei sollte er staunend den Mund öffnen. Die Hände des anderen formte ich so, als würde er etwas fest umklammern, ein Lächeln im Gesicht. Meinen jüngsten Bruder, der damals erst drei Jahre alt und an diesem Tag nicht dabei war, setzte ich in Gedanken ein wenig abseits auf den Boden und ließ ihn mit Duplo spielen.

Als ich mit dem Ergebnis zufrieden war, forderte mich der Therapeut auf, meinen eignen Platz in dem Standbild zu suchen. Ich stellte mic

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