Zur mobilen Webseite zurückkehren
Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 20/2016
Was die Gesellschaft zusammenhält
Ein Gespräch mit dem Philosophen Hans Joas
Der Inhalt:

Diktatur der Formeln

von Silja Graupe vom 21.10.2016
Ökonomische Bildung und Wissenschaft sind mitverantwortlich für eine »Wirtschaft, die tötet«. Kritische Anmerkungen einer Wirtschaftswissenschaftlerin

Diese Wirtschaft tötet.« Dieser Satz von Papst Franziskus aus dem apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium ist weithin bekannt. Dabei spricht Franziskus der Wirtschaft kein Eigenleben zu. Sie sei weder »Mechanismus« noch »Sachzwang«, sondern von Menschen gemacht und deshalb nicht alternativlos. Vielmehr tötet diese Wirtschaft, weil sich in ihr falsche Erkenntnis und falsche Taten von uns Menschen zu einem unheilvollen Ganzen verbinden: Wir sehen nicht, »wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte in der Börse Schlagzeilen macht«, heißt es in Evangelii Gaudium. Und wir werfen Nahrungsmittel weg, »während es Menschen gibt, die Hunger leiden«. Die alltägliche Blindheit der Menschen lässt die Wirtschaft töten. Als Ökonomin erlebe ich, wie die ökonomische Bildung an Hochschulen (und zunehmend Schulen) zu dieser Blindheit beiträgt.

Die Wirtschaftswissenschaft hat wie keine andere Sozialwissenschaft ihren Lehrbetrieb seit Ende des Zweiten Weltkriegs rund um den Globus radikal standardisiert. Wenige Lehrbücher aus wenigen Verlagen, übersetzt in zig Sprachen und millionenfach verkauft, prägen, was Studierende der meisten Nationalitäten als »ökonomisch« beziehungsweise »wissenschaftlich« lernen. Und dies völlig unabhängig von der jeweiligen Erfahrungswelt der Studierenden.

Dieser standardisierten ökonomischen Bildung liegt ein eingeengtes Wissenschaftsverständnis zugrunde, das seine Quellen im 19. Jahrhundert hat. Die Ökonomie wird nicht als Sozialwissenschaft gesehen. Sie soll sich nur noch an den physikalisch-mathematischen Wissenschaften orientieren, ja diese buchstäblich kopieren. Grob gesagt bedeutet dies, Erkenntnisse allein durch folgenden Dreischritt zu gewinnen: Erstens ist alles aus der Wahrnehmung auszuschließen, das sich nicht in Zahlen und Mengen ausdrücken lässt. Von unserem Menschsein bleibt so nur das kaufmännische Handeln übrig, das Güter erwirbt, um daraus ein Mehr an Geld zu erzielen. Im zweiten Schritt wandelt sich der Kaufmann in das abstrakte Bild eines Nutzenmaximierers, der die Welt allein nach Kosten und Nutzen beurteilt. Dieses Menschenbild wird in eine mathematische Formel gegossen. Das Erfahrungswissen macht so einem Denken in mathematischen Scheinwelten Platz. Drittens findet dann eine Rückkehr zur realen Welt statt – allerdings nur insofern, als alle möglichen Schlüsse aus dem mathematischen Spiel auf d

Wählen Sie Ihren Zugang und lesen Sie direkt weiter.

Digital-Zugang
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen
Digital-Zugang für "Publik-Forum"-Print-Abonnenten
  • Ergänzend zu Ihrem Print-Abonnement
  • Alle über 20.000 Artikel auf publik-forum.de frei lesen und vorlesen lassen
  • Die aktuellen Ausgaben von Publik-Forum als App und E-Paper erhalten
  • 4 Wochen kostenlos testen