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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2020
Der Statthalter
Die Macht des Rainer Maria Woelki
Der Inhalt:

Der Dichter und der Bettelmönch

von Lydia Koelle vom 09.10.2020
Über das Gedicht »Assisi« von Paul Celan

Als Paul Celan am 20. November 1953 Assisi besuchte, war er ein junger Ehemann von noch nicht ganz 33 Jahren. Ein Jude aus Czernowitz, ein Dichter deutscher Sprache mit Wohnort in Paris. Seine Frau Gisèle, aus französischem Hochadel mit einer frommen katholischen Mutter, die 1954 im Witwenstand in ein Kloster in der Bretagne eintreten wird, hatte zwei Wochen zuvor ihren ersten Sohn geboren: François. Der »kleine Franzose« stirbt nur dreißig Stunden nach seiner schwierigen Geburt: »Das Kind ist tot. (…) Es war mein Sohn, unser Sohn, unser François«, schreibt Celan an Freunde. Die Gründung einer eigenen Familie war für ihn, dessen Mutter und Vater in einem deutschen Konzentrationslager in Transnistrien umgekommen waren, ein Hoffnungszeichen gewesen.

Was die verwaisten Eltern in Assisi besichtigten, wissen wir nicht. Aber dass Celan sich mit Leben und Wirkung des heiligen Franz befasste, ist überliefert: Er liest die englische Franziskus-Biografie von G. K. Chesterton und besorgt sich eine italienische Ausgabe der »Fioretti«, der Heiligenlegenden um Franziskus. Anfang 1954 schrieb Celan das Gedicht »Assisi«: ein Überblenden der Stationen und Lebenswenden des heiligen Franz in und um Assisi mit Celans eigenen Todeszonen und menschlichen Verlusten. In »umbrischer Nacht« geistern die Schatten dieser Toten.

Franz bettelte um Steine, weil eine Stimme vom Kruzifix in der Kapelle San Damiano zu ihm gesprochen hatte, das »Haus Gottes« wieder aufzubauen. Ist diese Re-Novierung nicht vergleichbar mit der dichterischen Arbeit Celans, dem Verlorenen und den Toten einen Erinnerungsraum zu errichten, deren Welt wiederherzustellen – die entleerten Krüge des Erden-Lebens neu zu füllen? Die Stigmata fremder Wunden – bei Franziskus war sein eigener Leib der Ausdrucksort, bei Celan sind es seine Gedichte.

Paul Celan hat sich Assisi als den besonderen Ort von Geburt, Tod und Grablegung von Franziskus lesend erschlossen, und er hat sich dem, was er dort gesehen, gehört und erfahren hat, mit seinem Eigensten ausgesetzt: der Trauer um sein totes Kind, der Trauer um seine ermordete Mutter, der Trauer um die Toten des Holocausts, denen er in seiner Dichtung ein Heimatrecht eingeräumt hat und seine Stimme geliehen. »Ich schreibe auch nicht für die Toten, sondern für die Lebenden – freilich für jene, die wissen, daß es auch die Toten gibt«, notierte er.

Der Stein einer

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