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Dieser Artikel stammt aus
Publik-Forum, Heft 19/2018
Gottverlassen
Findet die katholische Kirche aus ihrer selbstverschuldeten Misere?
Der Inhalt:

Streitfragenzur Zukunft: Braucht es einen Bildungskanon?

von Thomas Kerstan vom 05.10.2018
Ja. Wir brauchen ihn als Kitt, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten Um im Gespräch über Neues eine gemeinsame Basis zu haben, muss es Bilder, Bücher und Filme geben, die alle kennen

Wir brauchen einen neuen Kanon des Allgemeinwissens! Vor allem zwei Gründe ließen in mir diese Überzeugung reifen: Erstens die Inhaltsleere der Bildungsdebatte und zweitens das Auseinanderdriften unserer Gesellschaft.

Bei den großen Streitthemen der Bildungspolitik der letzten Jahre – sei es die Dauer der Gymnasialzeit oder die Einführung der Bachelorstudiengänge – ging es immer um Äußerlichkeiten, um Strukturen. Dabei hätte der Streit die Chance geboten, sich einmal mit den Inhalten der Bildung zu befassen: Was gehört eigentlich zum unverzichtbaren Curriculum des Gymnasiums? Welches Wissen, welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen im Studium vermittelt werden? Leider wurde diese Chance kaum genutzt.

Noch mehr bewegt mich allerdings, dass wir als eine Gesellschaft im Wandel einen gemeinsamen Bezugsrahmen für den so dringend nötigen Diskurs untereinander brauchen. Wir brauchen Bilder, Bücher, Filme, die alle kennen, um im Gespräch über Neues eine gemeinsame Basis zu haben. Wir brauchen sie, um uns gegenseitig besser zu verstehen, auch, um uns selber besser zu verstehen. Wir brauchen sie als Kitt, um die Gesellschaft zusammenzuhalten. Dass so ein Bezugsrahmen dringend nötig ist, zeigt sich immer wieder.

Erst kürzlich hat mich eine Umfrage alarmiert, die besagt, dass junge Zeitungsleser ein viel breiteres Interessenspektrum hätten als Nichtzeitungsleser. Das mag viele Ursachen haben und klingt für sich genommen harmlos. Betrachtet man jedoch den Medienkonsum Jugendlicher, erkennt man, dass sich da womöglich etwas Ungutes zusammenbraut: 2017 gaben nur 21 Prozent der 12- bis 19-Jährigen in einer Umfrage an, täglich oder mehrmals in der Woche die Printausgabe einer Tageszeitung zu nutzen. Zehn Jahre zuvor war es noch knapp die Hälfte dieser Altersgruppe.

Nun habe ich selten kulturpessimistische Anwandlungen. Wenn sich Jugendliche heutzutage durch soziale Medien statt mit Zeitungen informieren, soll mir das recht sein. Aber dabei besteht zumindest die Gefahr, zu sehr im eigenen Saft zu schmoren und durch die Filterblase der sozialen Medien viele Themen zu vernachlässigen, die einem etwa in der Zeitung ganz nebenbei präsentiert werden.

Hinzu kommt die Individualisierung des Medienkonsums: Die Zeiten, da die ganze Familie vor der Tagesschau versammelt war, sind längst vorbei. Die Mutter hört die Nachrichten im Autoradio,

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